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Yung Hurn
Foto: Jan Kapitän / Büro Bum Bum

Naseweißer Rap aus Wolke Drüben

30. Oktober 2018

Yung Hurn in der Live Music Hall – Konzert 11/18

Julian Sellmeister, so lautet sein bürgerlicher Name, wurde in 2015 zunächst damit bekannt, dass er immer wieder „Nein“ sagte.

„Er fragt: ‚Brudi, hast du was zum Ziehen?‘
Und ich sag': ‚Nein!‘
Er fragt: ‚Digga, bist du aus Berlin?‘
Und ich sag': ‚Nein!‘
Sie fragt: ‚Oida, willst du mit mir chillen?‘
Und ich sag': ‚Nein!‘
Ich hab keine Zeit!“

Heute, beim zweiten Date der „1220 Tour“ zum neuen, gleichnamigen Album, hat er Zeit für die Fans seiner feinen Lines. In der ausverkauften LMH beginnt das Yung-Hurn-Konzert pünktlich ohne Vorgeplänkel. Die Stimmung steht von Sekunde eins wie ne Eins. Es wird laut mitgerappt und vor Freude glänzende Augen starren auf die Displays der Smartphones, die überall in der Luft zu sehen sind. Die Stimmung ist prall wie ein Ballon und man reicht sich umsichtig das Wasser weiter, das die Securitys verteilen. Denn es ist draußen schon winterlich kalt, aber hier drinnen heiß wie an der Coca Cabana. Und so sieht man Yung Hurn auch bald zum oberkörperfreien K-Ronaldo werden, eins seiner  musikalischen Alter-Egos. K-Ronaldo sei sein größerer Bruder Kristus Kristallo Ronaldo aus Los Angeles. Von diesem stammen treibende, druffe Schizo-Tracks wie „Coco Jambo“. „Ich hab das von Anfang an gewusst, dass es hier kein Koks gibt, dass ihr alle kein Koks habt!“ Dreist, offensiv und lässig.


Die Live Music Hall wird zur Wiener Donaustadt
Foto: Marielena Wolff

Um die Musikwerdung des Kokains geht es in mehreren seiner Tracks. Verschallerte Satzfragmente, die Einblick in schizoide Zustände geben. Feierpsychosen auf die Schippe genommen. Auch „Bianco“ ist eine Ode an den Schnee. Als die ersten Töne des Tracks in den Raum gleiten „wie ein weißer Lambo“, scheint es plötzlich mehr Smartphones als Menschen zu geben und Gianna hält gleich zwei in die Luft. Eines ist von ihrer Freundin, die gerade auf dem Klo ist. „Ich habe mich seit Wochen so hart hierauf gefreut“, sagt Gianna. „Yung Hurrrrn ist oanfach nur goil!“, schreit sie und versucht sich mit mäßigem Erfolg in Wiener Schmäh. Ob es an zu vielen Lines liegt, dass sie mit beiden iPhones das gleiche filmt bleibt, unbeantwortet. Hauptsache Smilies in den Augen.

Yung Hurn ist Wahlberliner. In Berlin befindet sich auch das Headquarter des unkonventionellen Künstler-Kollektivs Life From Earth, zu dessen Künstlern er gehört. Seine musikalischen Ergüsse gehören dem Genre des Cloud-Raps an. 2015 bringt er gemeinsam mit dem Produzenten Lex Lugner zunächst sein Debut-Mixtape „22“ und die EP „Wiener Linien“ heraus. 2016 legt er mit dem „Krocha-Tape“ nach und als K-Ronaldo mit „I Wanted to Kill Myself but Today is my Mothers Birthday“.

Hierauf befindet sich auch die Hymne für Andi Goldberger, den koksenden Skiflug-Weltmeister. „Andi hat Gold. Brudi du weißt. Schau in seine Nase. Sie ist so weiß.“

„Ich find´s zum kotzen“, sagt Stefan, der die Karte zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. „Aber auch irgendwie geil. Man muss es halt als eine Spaß-Veranstaltung verstehen.“ Ihm fällt es als jahrelanger Hip-Hop-Liebhaber nicht leicht, dies als Rap-Musik zu akzeptieren. Rumzappelnde Bubis, die von ihrem zehnten Big-Mac-Menu erzählen, Pillen schlucken, Nasen ziehen und dann leicht frittierte Zeitgeist-„Kunst“ machen. Stefan langweilt es, dass es hier ausschließlich um Sex, Schnee und Suff geht. „Wenn ich mir hier manche Kids anschaue. Die denken halt einfach nur noch: Koks = OK Cool.“ Und ja, Yung Hurn besingt, die lieben Süchte, das was das Leben vieler (junger) Menschen angenehm macht: Weed, Essen, Sex und Kokain.

Bedenkt man jedoch wie viele Songs in diesem Universum ausschließlich Suchtstoffen wie Marihuana oder dem schnöden Alkohol gewidmet sind, so müssen Hurn-Kritiker wohl einfach akzeptieren, dass sich hier ein junger, wilder Künstler für eine Schaffensphase überwiegend dem weißen Gold und seinen Effekten und Affekten verschrieben hat. Es gibt dann aber doch auch noch ein paar sanfte, warme Töne an diesem Abend. Sie stammen von seiner in 2017 erschienenen EP „Love Hotel“. „Komm mit zu mir, ich nehm' dich in den Arm. Baby, ich lass' dich nie mehr los, no, no.“

Mit seinen falcoesken Sätzen, seinem virtuosen Humor, dem wachsenden Erfolg und seinen noch jungen Jahren bleibt es spannend, in welche Richtung die Reise für Julian Sellmeister gehen wird, der hier eine solide Bühnenshow abgeliefert hat, egal ob mit oder ohne Frankfurter Kranz. Fast-Food-Rap macht halt auch mal satt, Oida! 

Es schnäuzt sich das Näschen,

Marielena Wolff

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