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Foto: Marcos Zimmermann

Der Egoismus des Teilens

18. Juli 2017

Einer von Kölns interessantesten Kunstorten ist die Horbach Stiftung – Kulturporträt 07/17

Über die Jahre ist Michael Horbach so heimisch in Kölns Südstadt geworden, dass er manchmal sein Viertel gar nicht mehr verlassen mag. Keine Frage, der 66-Jährige fühlt sich wohl, dort, wo er nun angekommen ist. Und das betrifft nicht nur das Hinterhofareal in der Wormser Straße, wo einst Rosemarie Trokel lebte und arbeitete und die Galerie Sprüht Magers die Großformate von Andreas Gursky verkaufte. Heute lebt hier Michael Horbach, mit dem man an seinem Küchentisch sofort ins Gespräch kommt. Tief in das alte Wohnkarrée hinein erstrecken sich die großen, hellen Ausstellungsräume mit den alten Manufakturfenstern, die noch aus einer Zeit stammen, als hier eine Großwäscherei betrieben wurde. Heute sind es die Kunsträume der Michael Horbach Stiftung, die sich zu einem der interessantesten kulturellen Orte der Domstadt entwickelt haben.

Tatsächlich erhalten sie auch deshalb steigende Bedeutung, weil die Kölner zur Jahrtausendwende ihre Kunsthalle abgerissen haben, ohne Pläne für eine neue zu besitzen. Das war ein Schildbürgerstreich, wie man ihn in diesem Ausmaß im 21. Jahrhundert eigentlich nicht für möglich halten konnte. Nun gibt es kaum Möglichkeiten, außerhalb der privaten Galerienlandschaft und der Museumsinstitute Ausstellungen zu präsentieren. Vor allem die Fotografie ist von diesem Missstand betroffen. Ein großes Problem für eine Kunststadt, der das Schaufenster für außergewöhnliche Projekte genommen wurde. Die Räume der Stiftung sind begehrt, hier kann man Ausstellungen realisieren, die sonst nirgendwo ein Dach finden würden.

Gegründet im Jahre 2000, benötigten die Kölner etwas Anlaufzeit, um die Bedeutung der Stiftung zu erfassen. Schwellenangst muss hier allerdings niemand haben, in den weißen Hallen kommt alleine den Werken der ausgestellten Künstler Bedeutung zu. Voller Begeisterung erzählt Michael Horbach von einer Schulklasse, die er eben noch durch die aktuelle Ausstellung „sehn sucht“ mit Werken aus seiner Privatsammlung geführt hat. „Mir macht das großen Spaß“, sagt er, „und für viele der Schüler ist der Besuch der Eintritt in eine andere Welt. Es ist wichtig, dass die Menschen einen ungezwungenen Zugang zur Kunst erhalten, das Leben ist schon kompliziert genug.“

Foto: Juan Carlos Alom

Schon seit geraumer Zeit befindet sich sein Lebensmittelpunkt in der Südstadt. Hier baute Michael Horbach seine Firma für Wirtschaftsberatung mit einer Zentrale am Sachsenring auf, die 25 Filialen in Deutschland koordinierte. Vor 16 Jahren verkaufte er sie für etliche Millionen. Wer sich mit 50 Jahren auf diese Weise aus dem Geschäftsleben zurückzieht, muss auf seine Rendite schauen. Denkt man jedenfalls, und dem gelernten Volkswirt wurde denn auch immer wieder mit erhobenem Zeigefinger eingeschärft: „Du bist verpflichtet, dein Vermögen zu vermehren.“ Horbach soll darauf nur geantwortet haben: „Ich mache meine Rendite.“ Womit er freilich eine „soziale Rendite“ meint. Horbach ist überzeugt, dass sich mit einem Vermögen auch „anders“ als auf den üblichen kommerziellen Wegen, umgehen lässt. „Ich will Verantwortung übernehmen, und der Welt etwas von dem zurückgeben, was ich bekommen habe. Denn ich hatte auch viel Glück in meinem Leben.“ Gib, und du bekommst dreifach zurück, das ist für Michael Horbach kein kluger Spruch, sondern seine Überzeugung.

„Aus reinem Egoismus sollte man teilen. Weil man selbst etwas davon hat“, erklärt er. „Die ganze Welt ist hinter dem Glück her, aber der Konsum materieller Werte hält nur zwei Momente“, deshalb spendet er für soziale Projekte und fördert junge und ältere Künstler. Der Eintritt in die Ausstellungen der Stiftung ist frei und die Künstler, die hier ihre Werke präsentieren, können ihren Verkaufserlös zu 100 Prozent einstecken. Es ist zumeist sozial engagierte Kunst, die in der Wormser Straße gezeigt wird. Neben Ausstellungen iranischer Künstlerinnen, präsentierte Michael Horbach immer wieder Kunst aus Kuba.

Nachdem er seine Firma verkauft hatte, wollte er die große Freiheit spüren und reiste zehn Jahre fotografierend durch die Welt. Heute sagt er, dass die Angst zu scheitern auch ein Beweggrund für den Ausstieg war. Vor allem junge Menschen würden sich keine Vorstellung von diesem Aspekt der Unternehmertums machen. Die Freiheit erlebte er nirgendwo überzeugender als in Kuba. „Dort ist mir in all der Zeit, in der ich dort war, nie ein verstörtes Kind begegnet. Im Übrigen leben auf der Insel mehr als 2000 Menschen, die über einhundert Jahre alt sind“, fügt er noch beiläufig hinzu. Nach Kuba geht auch der nächste Fotopreis der Stiftung, den Michael Horbach mit 10.000 Euro dotierte. Neben dem Spanier Miguel Frontera Serra wird der zweite Preisträger Alfredo Sarabia Fajardo jr. sein, der dann im Herbst ein dreimonatiges Stipendium erhält und eine Residenz in den Wohnräumen der Stiftung einnimmt, deren Tapete noch die Originalentwürfe von Rosemarie Trockel zieren.

Lateinamerika und seine enorme kulturelle Vielfalt begeistern Michael Horbach ohne Ende. Die Künstler dieses Kontinents sind stark vertreten unter den Fotografen der aktuellen Ausstellung „sehn sucht“, die vor allem Bilder vom Alltag der einfachen Menschen auf dem Lande oder den Randbezirken der Städte enthalten. Afrika ist der andere Teil der überbordenden Foto-Schau gewidmet, die von Klaus Michael Koetzle kuratiert wurde. Man kann hier viel über die Komposition von Bildern lernen. Schon der Titel erzählt von unserem instinktiven Bedürfnis, mit dem sich unser Sehen seine Bilder sucht. Großartige Werke von Marcos Zimmermann, Flor Garduno, Pep Bonet, Jan Grarup, Frank Gaudlitz eröffnen ein Panorama des Lebens.

Kunsträume der Michael Horbach Stiftung | Wormser Straße 23, 50677 Köln | Die Ausstellung „sehn sucht“ läuft noch bis 6.8. | www.michael-horbach-stiftung.de

Thomas Linden

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