
choices: Frau Bielenberg, warum haben Sie gerade die interaktive „Olchis Erlebniswelt“ eröffnet, wo Kinder Buchinhalte auch erleben können?
Julia Bielenberg: Das ist eine konsequente Weiter- oder Fortführung des Geschichtenerzählens. Viele Kinder sind schon stark im digitalen Raum unterwegs. Wir setzen auf Aktivität mit allen Sinnen. Wir haben auch viele Lernstationen, die spielerisch versteckt sind. Oder das Matschknödelwerfen. Ich hatte jetzt gerade mit einem Profi-Handballer gesprochen, der immer mal in Schulen geht. Er ist entsetzt darüber, wie wenig motorische Fähigkeiten die Kinder zum Teil haben, manche können keinen Ball mehr werfen.
Aber machen Sie damit nicht ihren eigenen Büchern Konkurrenz?
Wenn alle Sinne angesprochen werden, man neugierig ist, spürt und etwas erfährt, dann öffnet das die Sinne. In der Olchi-Welt liegen natürlich überall Bücher und die werden sehr gern in die Hand genommen. Wir können damit die Kinder immer wieder zu den Geschichten und eben auch zu den Büchern zurückbringen.
„Drift zu den politischen Extremen“
Jeder kann alles mündlich bei einer KI am Smartphone erfragen. Warum ist Lesen trotzdem so wichtig?
Es ist die Grundlage für gesellschaftliche Teilhabe, für kritisches Denken und dafür, komplexe Dinge zu erfassen und verarbeiten zu können. Es gibt Studien darüber, dass das Gehirn bei Menschen, die nicht gut lesen können, ganz anders aussieht als bei jenen, die sich dem Prozess des Lesen-Lernens aussetzen und das stärker nutzen. Gerade haben wir die Situation in Deutschland, dass es eine starke Drift zu den politischen Extremen gibt. Die bieten die einfachen Antworten und das kann unter anderem auch daran liegen, dass die Leute nicht mehr so stark in der Lage sind, zu differenzieren, sich ein eigenes Bild zu machen, sich ein eigenes Urteil zu erlauben. Und dafür ist Lesen einfach die Voraussetzung.
„Sich ein eigenes Urteil zu erlauben, dafür ist Lesen die Voraussetzung“
Sie haben mal beklagt, wenn in Deutschland jedes vierte Auto liegenbleiben würde, würde die Politik sofort handeln, wenn aber jedes vierte Kind nicht lesen kann, passiert nichts. Ihre Forderungen?
Wir brauchen ein einheitliches Bildungssystem. Derzeit haben wir das föderale Prinzip und damit 16 unterschiedliche Bildungssysteme. Es ist so, dass zwar jetzt die Bildungsminister ein Stück weit kooperierter arbeiten, aber eben auch nicht alle. Es hängt immer sehr stark ab von politischen Dekaden, je nachdem, wer dort am Zug ist. Wenn das föderale Prinzip auf den Prüfstand kommt und man dann vielleicht 16 Ministerien schließt, würde man auch enorme Kosten sparen, die dann anderswo eingesetzt werden können. Es kann nicht sein, dass Bildung vom Elternhaus abhängt oder in welchem Bundesland man geboren wird.Denn dort gibt es sehr unterschiedliche Bildungsniveaus. Wir sollten Lehrkräfte stärken und ihnen Lehrerfortbildungen geben. Wir sollten auch Inhalte mal sehr stark auf den Prüfstand stellen, die vielleicht nicht mehr zeitgemäß sind. Wir brauchen eine ganz frühe Sprachförderung für Kinder. Die Sprache ist der Grundpfeiler für alles, was danach kommt. Aber in der Kita werden gerade Mittel gestrichen, statt sie aufzubauen.Das darf, besonders nach den Ergebnissen, die wir bei Pisa und Iglu [internationale Studien zu schulischen Leistungen; d. Red.] haben, nicht sein.
„Es kann nicht sein, dass Bildung vom Elternhaus oder Bundesland abhängt“
Was ist mit der Verantwortung der Eltern?
Wir müssen die Eltern stärker einbinden und auch eine Erwartungshaltung an sie formulieren. Derzeit erwerben leider viele Kinder zu wenig Basiskompetenzen. Dann kommen sie in die Schule und können keinen Stift halten oder können sich nicht selber anziehen und nicht selbst zur Toilette gehen. Manche haben ein katastrophales Sprachniveau und können die einfachsten Sätze nicht sagen. Da müssen wir ran, denn das können die Lehrer nicht leisten.
„Andere Länder sind uns weit voraus“
Wenn Eltern nicht viel lesen, fällt eine Vorbildfunktion in dieser Hinsicht weg. Aber könnten Schulen das auffangen, beispielsweise mit Büchereien und Leseinseln?
Natürlich, Eltern sind Vorbilder für Kinder, aber auch die gesamte Gesellschaft. Da sind andere Länder uns weit voraus. In Schweden zum Beispiel wird jede Schule mit den Neuerscheinungen ausgestattet. Bücher spiegeln die Lebensrealität der Kinder wider. Sie bieten zu unterschiedlichen Zeiten vielleicht auch andere Inhalte an. Wir haben ein tolles Leseambiente dort. Als ich einmal in Spanien war, habe ich gesehen, dass dort an einem Samstag mitten auf dem Marktplatz vor dem Rathaus eine große Kinderzone aufgebaut war. Es gab Sitzsäcke mit ganz vielen Büchern. Die Eltern sind dort hingegangen zwischen dem Einkaufen und haben ihren Kindern vorgelesen. Bei uns findet dieser Umgang mit Büchern in dem Maße gar nicht in der Öffentlichkeit statt, wie es sein müsste.
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