Inseln sind seit jeher Sehnsuchtsorte. Sie versprechen nicht nur Erholung, sondern auch Isolation – Distanz zu den Krisen des Festlandes. Doch nicht immer gelingt diese Abkapselung, früher oder später werden die politischen Spannungen als Treibgut angespült. Mit „Hiddensee“ (Filmhaus, Odeon, Weisshaus) setzt Annekatrin Hendel der gleichnamigen Ostseeinsel und ihren Bewohnern, tot und lebendig, ein filmisches Denkmal. Die dänische Stummfilmdiva Asta Nielsen, der Naturalist und Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann und Thomas Gens, Bürgermeister von Hiddensee und ehemaliger Funktionär der rechtsextremen DVU – all ihre Geschichten bilden gemeinsam ein zeitloses und poetisches Panorama. Vergangenheit und Gegenwart gehen nahtlos ineinander über. Als historische Konstante kristallisiert sich der Wunsch nach einem Rückzugsort in Zeiten des Umbruchs heraus.
Bereits in den ersten Sekunden von Cyril Aris Spielfilmdebüt wird deutlich, welche Art von Geschichte hier erzählt wird: Wackelige Kamerabilder zeigen die Geburt zweier Babys im selben Krankenhaus – das noch währenddessen von heftigen Bombeneinschlägen erschüttert wird. Während die Neugeborenen ihre ersten Schreie überhaupt verlauten lassen, schreien die anderen Menschen dort um ihr Leben. Selten lagen Schönheit und Schmerz, Anfang und Ende des Lebens so nah beieinander – und selten vermag es ein Film, bereits in den ersten Sekunden zu Tränen zu rühren. „A Sad and Beautiful World“ (Filmhaus, Odeon, OFF Broadway, Bonner Kinemathek) schafft es. Es sind existenzielle Fragen, die der libanesische Regisseur Cyril Aris stellt – und mit seiner Liebesgeschichte zwischen Yasmina und Nino auf poetische und schmerzhaft schöne Weise beantwortet.
Kris (Hannah Einbinder) ist aufstrebende Regisseurin und soll den fiktiven Slasher „Camp Miasma“neu aufleben lassen. Dafür besucht sie Billy, Darstellerin des Final Girls aus dem ersten Film (Gillian Anderson), die in der verlassenen Kulisse von Camp Miasma lebt. Doch statt einer professionellen entwickelt Kris eine erotische Beziehung zu Billy – und bekommt Zugang zu ihrer unterdrückten Sexualität. Meterhohe Blutfontänen, ein Killer mit Namen Little Death und einer Kamera als Maske, ein endlos ausgeschlachtetes Franchise: Schoenbrun zerlegt in „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ (Cinenova, Filmpalette, OFF Broadway) gnadenlos und höchst amüsant das Horrorgenre. Mit der Affäre zwischen Kris und Billy dreht sie die sexistische Prämisse des jungfräulichen Final Girls um: Kris und Billy werden von Objekten zu Beobachterinnen, holen sich ihre Sexualität und die Hoheit über ihre Körper zurück. Skurril und brillant.
Alle Neustarts der Woche unter: Neu im Kino.
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