Noch über dem Titel des neuen Romans „Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof steht auf dem Buchumschlag der Satz: „Ich habe mich verkauft, wie alle.“ Eine Aussage, der man im Kapitalismus die allgemeine Gültigkeit nicht absprechen kann. Überheblichkeit ist also fehl am Platz, wenn die Erzählerin davon berichtet, wie sie in einem Bordell anheuert und dort reichlich Geld als Prostituierte verdient. Später erfahren wir von ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie, ihrer Medikamentenabhängigkeit, und wie sie sich mit Hilfe der Literatur aus all diesen Abhängigkeiten wieder hat retten können.
Die Handlung des Romans „Das Teufelsbuch“ entspricht der Lebensgeschichte seiner 38-jährigen Autorin. Die Dänin Asta Olivia Nordenhof verknüpft die eigene Biographie mit einer der größten Schiffskatastrophen des 20. Jahrhunderts, bei der 1990 auf der MS Scandinavian Star 159 Menschen starben. Ein Unglück, das nie ganz aufgeklärt wurde. Möglicherweise ist es gerade diese Tatsache, die Nordenhof in den Sog dieses Dramas zog, dass sie einen siebenteiligen Romanzyklus entwarf, der den Titel „Scandinavian Star“ trägt. „Das Teufelsbuch“ ist sein zweiter Teil, der jedoch in sich abgeschlossen ist. Seine Dynamik erhält er durch zwei erotische Begegnungen. Gleich zu Beginn trifft die Erzählerin während der Wochen der Pandemie am Flughafen auf einen Mann, dem sie nach London folgt. In dessen Apartment beginnt sie zu schreiben und versucht, die unheimliche Episode mit einem Mann zu verarbeiten, der sie im Bordell gekauft hatte und mit verbundenen Augen mit nach Mailand nahm. Ein wechselvolles Spiel von Selbstbestimmung und Dominanz begann, das physische und psychische Spuren hinterließ.
Spuren hinterlässt auch die Prosa von Asta Olivia Nordenhof, da sie von einer Art glühendem Zorn angeheizt wird. Die Wunden, die der Kapitalismus geschlagen hat, werden hier mit einem feministischen Furor beantwortet, der dem Roman einen atemlosen Drive verleiht. Nordenhof schlägt zurück mit knallharter Direktheit, vollkommen Illusionslos und dennoch bleibt sie stets verletzlich. Darin liegt das Geheimnis dieser Prosa, sie ist in jedem Moment kämpferisch und verliert doch nie ihre Zartheit.
Asta Olivia Nordenhof: Das Teufelsbuch | A. d. Dän. v. Ursel Allenstein | Claassen | 160 S. | 24 Euro
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26
Ein Leben, das um Bücher kreist
„Roberto und Ich“ von Anna Katharina Fröhlich – Textwelten 06/25
Die schönen Verrückten
Markus Gasser über Liebe in berühmter Literatur – Textwelten 07/19
Lichtschalter anklicken
Warum wir das Bücherlesen verlernen – Textwelten 06/19
Die Hölle der Liebe
Julian Barnes schreibt sein bitterstes und bestes Buch – Textwelten 04/19
Eine begnadete Unverschämtheit
Der neu gegründete Kampa Verlag präsentiert Simenon – Textwelten 11/18
Erinnerung ohne Schmerz
Rachel Cusks dichte Prosa im Kleid spontaner Konversation – Textwelten 09/18
Kampf zwischen Gegenwart und Vergangenheit
Peter Stamm beschreibt, wie man Opfer der eigenen Geschichte werden kann – Textwelten 05/18
Zwischen Herz und Verstand
Ruth Klüger bietet direkten Zugang zur die Welt der Lyrik – Textwelten 04/18
Unheimlich schönes Dorfleben
Ein Roman von Jon McGregor, funktioniert wie fünf Fernsehserien auf einmal – Textwelten 03/18
Demütigung
Ein Buch über den sozialen Tod und was man ihm entgegensetzen kann – Textwelten 11/17
Ein notwendiger Roman
Affinity Konar überrascht mit ihrem Meisterwerk „Mischling“ – Textwelten 09/17
Liebe am Mittag
Graham Swift zeigt uns, wie Literatur funktioniert – Textwelten 08/17
Über Nacht zum Begriff geworden
Köln erlangt Berühmtheit, nur anders als erhofft – Textwelten 03/16
Erzählen in der dunklen Kammer
Alexander Kluge liefert phänomenales Großprojekt – Textwelten 02/16
Auf sich gestellt
„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo – Literatur 07/26
Schule mit Herz und Humor
„Shrimpie und ich“ von Moni Port und Claudia Weikert – Vorlesung 06/26
Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26
Zwischen Erinnerung und Widerspruch
Lesestunde zu Christa Wolf im Buchladen Sülzburgstraße – Literatur 06/26
Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26
Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26
Drei Farben zum Glück
„Zu Fuß“ von Michael Roher – Vorlesung 05/26
Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26
Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26