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Foto: Tobias Scheffel

„Ein guter Song funktioniert in jedem Genre“

31. Januar 2019

Der Lohmarer Songwriter Tobias Röger über musikalische Dienstleistung mit Seele – Interview 02/19

choices: Herr Röger, wünschen Sie sich manchmal in Ihre Popstar-Zeiten zurück?
Tobias Röger: Niemals. Es ist großartig, diesen Beruf betreiben zu dürfen, den man immer machen wollte, ohne auf Tour sein zu müssen und in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich profitiere aber heute davon, dass ich diese Phase erlebt habe, da ich so das Leben junger Bands besser nachvollziehen kann. Abgesehen davon war dieser zehn Jahre währende Wahnsinn eine gute Erfahrung.

Was bewegt denn heutige Bands?
Es gibt durchaus einen Unterschied, wie man sich als junge Band 2003 und 2018 fühlt. In der Gesellschaft hat sich viel im Leistungsdenken und Arbeitsethos getan. Das schlägt bis auf die Musiker durch. Der Druck ist groß, jedes Mal eine Platte zu machen, die einem selber und den Fans gefällt, die besser ist als ihr Vorgänger, geiler klingt, innovativ ist und mehr Erfolg hat. Als Songwriter und Produzent habe ich eine angenehme Distanz zu diesen Eitelkeiten.

Tobias Röger
Foto: Tobias Scheffel
Zur Person
Von 1995 bis 2005 war Tobias Röger (36) als Sänger der Wohlstandskinder ein Star in der Hochphase des Pop-Punk. Mit dem Quartett Ton spielte er sich in die Herzen derer, die aktiv nach Musik suchen. Seit 2006 arbeitet er als Songwriter und Produzent im Hintergrund.

Sie schreiben für junge Künstler, aber eben auch für Kaliber wie Udo Lindenberg, Helene Fischer, Christina Stürmer oder zuletzt Wolfgang Petry. Fühlen Sie sich in den Vibe des Künstlers ein und können dann machen, was Sie wollen? Wird Ihnen grob gesagt, dass eine Ballade, zwei tanzbare Stücke und eine Hymne anstehen? Oder gibt es detaillierte Auftragsbögen, in denen man Ihnen wie einem Werbetexter exakte Vorgaben macht?
Alle drei Varianten existieren in meiner Branche. Ich selber bestehe darauf, die Auftraggeber vorher als Menschen kennenzulernen. Wenn ein Auftrag reinkommt, ist der erste Schritt, gemeinsam einen Kaffee trinken zu gehen, im Studio zwanglos Musik zu hören und sich ausgiebig zu beschnuppern. Stimmt die Chemie, entsteht die Musik daraus wie von selber. Letztendlich geht es nicht um das musikalische Gewand, sondern um die Essenz des Liedes. Ein guter Song funktioniert in jedem Genre.

Sie haben also nahezu jeden getroffen, für den Sie geschrieben haben. Auch den Udo?
Ja, eine intergalaktische Erfahrung.

Zuletzt war es der Wolle. Wie kam das zustande?
Eines Tages klingelte das Telefon und eine Stimme sagte: „Hallo. Ich bin Wolfgang Petry.“ Erst dachte ich an einen Scherz, da natürlich meistens erstmal das Management anruft. Wolfgang meinte allerdings, er habe gehört, dass ich nur zwei Dörfer weiter wohne. Da könne man sich doch mal treffen. Angesichts seines Status in Deutschland ist die Freundlichkeit und Bodenständigkeit dieses Mannes beeindruckend. Man legt ihm unglaubliche Angebote auf den Tisch, damit er wieder in die Stadien geht. Alle Talkshows wollen ihn. Doch er möchte einfach nur noch in Ruhe Platten machen und sich ansonsten aus dem Showgeschäft raushalten. Wir haben uns sehr gut verstanden.

Es ist klar, dass man ein gutes, zeitloses Lied je nach Bedarf als Schlager, als Pop, als Rock oder sogar als Punk ausarbeiten kann, aber innerhalb der Songstruktur gibt es doch sicher handwerkliche Muster, die Sie zu beachten haben und die wie Wendungen in einem Drehbuch ganz kalkuliert eingesetzt werden.
Das ist dann das Handwerk, das sich mit der Inspiration verbindet. Beides ist wichtig. Die besagten Muster baut man allerdings mit den Jahren gar nicht mehr bewusst. Man starrt nicht auf die Uhr und sagt: „Oh, es sind bereits dreißig Sekunden vergangen, nun müssen wir aber mal langsam in den Chorus gehen.“ Man fühlt es. Die Erfahrung sorgt für die richtige Intuition.

Dennoch gibt es bestimmt einen Unterschied zwischen dem Herstellen eines Köders für den Musiker als Angler und dem Ausstellen der eigenen Seele bei Stücken, die man für sich selbst geschrieben hat.
Als ich mit den Wohlstandskindern nur Künstler war, hätte ich mir niemals vorstellen können, für andere zu schreiben. Dabei hatten meine Bandkollegen schon den richtigen Riecher und prophezeiten, dass ich das eines Tages mache. Als ich schließlich tatsächlich damit angefangen habe, lief das zu Beginn noch sehr verkopft. Ich dachte mich in den Auftrag hinein. Mittlerweile verschmelzen die Welten. Wenn ich einen Auftrag bekomme, bin ich praktisch für die Zeit der Zusammenarbeit dieser Künstler.

Dann sind Sie ein Method Writer! So wie ein Schauspieler mit seiner Rolle verschmilzt.
(lacht) Na gut, ich laufe aber nicht in den Wochen, in denen ich für Udo Lindenberg schreibe, mit einem Hut herum und nuschele die Menschen im Udo-Slang an. Aber jedes Genre ist ein Bällebad, in das ich hineinspringe und mich genüsslich darin austobe.

Das derzeit mit Abstand erfolgreichste Bällebad für die Jugend ist der Hip-Hop, mit dem Sie nichts am Hut haben.
Eine solche Szenesache muss authentisch aus den Leuten herauskommen. Da könnte ich höchstens bezüglich der Wirkung des fertigen Produkts beratend tätig sein.

Diese Leute sind jetzt auch noch Schuld daran, dass Sie keinen ECHO mehr gewinnen können, von denen Sie bereits zwei besitzen.
Das war mir tatsächlich immer relativ egal. Ich bin kein Galamensch für rote Teppiche. Es ist schön, wenn der Erfolg honoriert wird, aber nicht mein Antrieb.

Ihre Diskografie verzeichnet 2017 fünf Songs. Ein westfälischer Holzunternehmer würde jetzt ausrufen: „Wie, fünf Songs? Davon kann der Junge leben?“
Zum einen tauchen nicht alle Aufträge öffentlich auf. Zum anderen fließen die Tantiemen immer erst gut ein Jahr nach Veröffentlichung. Der Holzunternehmer bekommt seine Bezahlung unmittelbar nach Ablieferung des Materials. Ich lebe heute von dem, was ich vor zwei Jahren gemacht habe.

Gut, aber wie kann das nach dem Niedergang der Tonträgerindustrie reichen? Das gute, alte Radio wirft so viel GEMA ab?
Das Radio und das Fernsehen, wenn man das Glück hat, ein paar Hits gelandet zu haben. Außerdem gehe ich mit Bands ins Studio und nehme in Ruhe ein Jahr lang ganze Alben auf, zuletzt mit der großartigen Kapelle Petra.

Zwischen Ihrer Zeit als Star bei den Wohlstandskindern und dem reinen Arbeiten als Songwriter haben sie mit der Band Ton ein paar herausragende Alben deutscher Popgeschichte gemacht und absichtlich nicht beworben. Dabei hätte dieses Quartett groß werden können.
Ton war meine Art, mich über mehrere Jahre hinweg auf meine Weise von der Bühne zu verabschieden. In diesem Rahmen ganz bewusst in kleinen Clubs zu spielen und das Ganze ohne Marketing unaufgeregt und persönlich anzugehen, war genau der richtige Weg.

Interview: Oliver Uschmann

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