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Die Nerven am 25. Oktober in der Johanneskirche
Foto: Aleksandra Polnik

Wutpop im Weltwirrwesen

31. Oktober 2018

Die Nerven beim New Fall Festival in Düsseldorf – Konzert 11/18

Düsseldorf. Bachsaal. Das allerletzte Konzert der Band Die Nerven. Für immer und ewig soll es vorbei sein. Vermutlich war jeder Person im Publikum klar, dass Kevin Kuhn, Schlagzeuger und Komiker der Band, mit dieser Aussage einen Witz machte. Wahrscheinlich sollte diese Ansage als kleiner Motivationsschub durchgehen. In den ersten Songs ging es nämlich noch recht gesittet im Konzertraum zu, nicht so wild wie auf früheren Konzerten. Ob es wohl daran lag, dass der Bachsaal zur Johanneskirche gehört? Eher nicht, denn der Raum wirkte wie eine kleine Schulaula und wenig sakral. Die Nerven sind mit ihrem aktuellen Album „Fake“ poppiger geworden, klingen aber immer noch aufgebracht. Wutpop sozusagen – denn es muss nicht gleich Death Metal sein, um zornig sein zu dürfen.


Die Nerven, Foto: Christian Bendel

Bei „Frei“ wird es unbändiger: Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, und auch die Menschenmenge bewegt sich allmählich weiter weg vom Boden. Es wird ungehalten und ungehemmter, es wird gepogt und hin und wieder fliegt ein Ellenbogen in ein anderes Körperteil. Niemanden stört‘s, denn alle sind nun angekommen. Die Nerven peitschen ihre Instrumente durch‘s Konzert. Die Stimmen von Julian Knoth (Gesang/Bass) und Max Rieger (Gesang/Gitarre) werden vom scharfen Gitarrensound übertönt und von Kevin Kuhns Schlagzeug, sowohl in stehender als auch in sitzender Position ausgeübt, weggeknüppelt. Da hätte man die Mikrofone ordentlich lauter stellen müssen. Gleich 24 Mal singen Die Nerven „Finde niemals zu dir selbst“ – das überhört natürlich niemand mehr. Es ist wie ein Mantra. Die Worte müssen nur so raus. Und zwar so laut, wie es geht. Nicht umsonst wurden vor dem Konzert Ohrstöpsel verteilt.

Die Nerven bieten eine schöne Projektionsfläche für alle Zweifelnden, Unzufriedenen und Sehnsüchtigen, und das Publikum liebt es. Alle sind in Bewegung. Das Menschengewühl ist altersmäßig durchmischt: Die Jungen, die sich gegen die Welt auflehnen. Die Älteren, die es gut finden, dass junge Menschen im Zeitalter von Social Media und Selbstoptimierung wieder wütend sind.

Der Bachsaal verliert an Sauerstoff, Körper schwitzen und die Gruppe fischt Handtücher aus Ecken, um sich den Schweiß aus dem Gesicht zu reiben. Applaus, Applaus. Eine kleine Zugabe aus dem zweiten Album „Fun“ folgt, die Verstärker krächzen schon und der Jubel des Publikums löst sich im lauten Gitarrenwirrwarr auf. Der herzallerliebst verrückte Kevin Kuhn, der hin und wieder barfuß über die Bühne rennt und Max Rieger auch mal einen Klaps auf den Po gibt, beendet das Konzert, wie es charmanter eigentlich gar nicht gehen kann. Nach der Zugabe verschwinden beide Saitenschläger von der Bühne, während Kuhn mit dünner Stimme von seinem Hocker aus Queens „We Are the Champions“ trällert. So leise, dass man ganz genau zuhören muss. Spätestens als der Refrain einsetzt, wissen alle, um welches Lied es sich handelt und alle zusammen jaulen mit. Zufriedener kann man ein Konzert nicht verlassen. 

Aleksandra Polnik

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