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„Perverse Decolonization – 1985“ im kjubh
Foto: © Akademie der Künste der Welt

Das Objekt der Begierde

09. November 2018

„Perverse Decolonization – 1985“ im kjubh – Kunst 11/18

Eine Installation aus Soft-Porn-Magazinen, Bierkrügen, Monopoly und Politik? Klingt pervers? Durchaus. Ein erster Blick in die Ausstellung „Perverse Decolonization – 1985 verspricht eins: Es ist ein Umbruch im Gange. Was es genau damit auf sich hat, erklärte der polnische Künstler Janek Simon in der Ausstellungseröffnung am 2. November im Kölner Kunstverein kjubh.

Für das Projekt „Perverse Decolonization“ der Akademie der Künste der Welt begibt sich eine Arbeitsgruppe von etwa 20 internationalen Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern und Kuratoren in einen gemeinsamen Diskussions- und Forschungsprozess. Vorrangiges Ziel ist es, die gegenwärtige Krise der Identitätspolitik und des Postkolonialismus zu untersuchen, vor allem unter wirtschaftlichen Gegebenheiten und neuen Nationalismen. „1985“ ist eine Art popkulturelles Archiv, ein Stück Wissenschaftsgeschichte – Narrativ ist Polen in den 80er Jahren.

Die 80er Jahre stellen ein Jahrzehnt des politischen und wirtschaftlichen Wandels für das damalige Polen dar. Vielen kommt dabei sofort das Jahr 1989 in den Sinn, das für den Übergang vom kommunistischen zum demokratischen Staat steht. Die Solidarność Bewegung wächst. Arbeiter, Bauern und Studenten stellten Forderungen an die Staatsmacht, sie litten unter der miserablen wirtschaftlichen Situation, das Resultat von Misswirtschaft und politischer Bevormundung. Auf der Tagesordnung stehen Lohnerhöhungen, die Abschaffung der Zensur und die Bildung von unabhängigen Gewerkschaften. Dies erzeugte ein intellektuelles Umfeld und einen gewissen Grad an Freiheit, die es erlaubten Ziele und Praktiken der Bewegung zu reflektieren. Seither kämpft das Land um eine funktionierende Demokratie.


Aneta Rostkowska, Janek Simon und Doris Frohnapfel
Foto: © Akademie der Künste der Welt

Aneta Rostkowska, Kuratorin der Ausstellung, betont, dass zwar eine Entsovietisierung stattgefunden habe, an dessen Stelle jedoch „another Big Brother“ eintrete. Das Augenmerk liege seither auf dem großen Bruder Namens Kapitalismus. Dieser ersetze die sozialistische Wirtschaft, verursache einen Umschwung aus der kommunistischen in die kapitalistische Kultur und schaffe – noch im Dress des Sozialismus und vor einem offiziellen Wirtschaftswandel – eine Ära ideologischen neoliberalen Wandels. Was jetzt zähle seien „values of consumption“. Rostkowska schlägt an der Stelle eine Brücke zum heutigen nationalistischen Polen. Betrachte man die erstarkenden rechten Bewegungen, fiele auf, dass sie sich in unheimlicher Weise einer Rhetorik aus dem Kontext der Dekolonisierung bedienen, um nationalistische Sichtweisen zu propagieren.

Künstler Janek Simon schafft einen Raum, in dem beide Strömungen ineinanderfließen. „1985“ versetzt in eine Art Zeitreise, in das Freiheitsgefühl, aber auch in innerpolitische Kämpfe, die das Land in den 80er Jahren erlebte. Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Konterrevolution der Solidarność-Bewegung. Sie schafft einen Rahmen, um sich aus den Zwängen der letzten Jahrzehnte zu befreien. Repräsentativ dafür sind die inoffiziellen Briefmarken, die Ronald Regan zeigen, illegal gedruckte Banknoten, aber auch veröffentlichte Poststempel, eine Musikkollektion „Songs of Solidarity“ (1983) oder das inoffizielle Magazin der Solidarność-Bewegung „Kontakt“, veröffentlicht zwischen 1986 und 1988.

Ein besonderes Anliegen Simons ist es, wie er erklärt, auf den Kult des Schmuggelhandels aufmerksam zu machen. Das polnische Volk habe sich im Zuge des Marktliberalismus dazu ermächtigt gefühlt, sich einen gewissen Wohlstand zuzugestehen. Dies resultierte in dem von Simon viel zitierten „smuggling business with suitcases“. Eine satirische Zeichnung zeigt, dass das Touristen-Dasein auch anders aussehen kann: Bürger jeglicher Klasse beteiligten sich am Handel mit Gütern aus dem Umland, entweder um Kapital zu daraus schlagen oder um den eigenen Lebensstil mit Objekten wie einem Föhn, üppigen Kristallvasen oder deutschen Bierkrügen zu bereichern.

Im Zuge dessen floriert das von 1987 bis 1991 publizierte Soft-Porn Magazin „Pan“, übersetzt ‚Herr‘, das eine Art Spielwiese ist. Es erinnert an Bravo oder Playboy. Pan lichtet dünn bekleidete Frauen ab, verleiht Tipps à-la „how to seduce a woman“, berichtet über Popmusik, Mode, technische Errungenschaften und preist grundlegend den kapitalistischen Fortschritt für das Land. Ein weiteres Paradebeispiel für den plötzlichen Sinneswandel ist in einem Computerspiel vorzufinden, indem man sich virtuell als Entrepreneur austesten kann. Mit dem Klassiker „Monopoly“, hier „Eurobiznes“, übt man sich im internationalen Trade-Markt.

Eins wird nach der Ausstellung klar: Die neoliberalen Werte des Westens scheinen das Land überrollt und übernommen zu haben und wurden von der Gesellschaft mitgetragen und mit verursacht.

Wie die Entwicklungen seither voranschreiten, lässt Janek Simon an dem Abend offen. Inwiefern sich Auswege aus einer pervertierten Identitätspolitik finden lassen und inwieweit alternative Konzepte wie Staatenlosigkeit, „subalterner Kosmopolitismus“ oder eine globale sozialistische Moderne dem festgefahrenen Postkolonialismus den Weg weisen, wird sich in einem abschließenden Forschungstreffen (16.-17.11., Alte Feuerwache) diskutiert.

Perverse Decolonization – 1985 | bis 2.12, Do 15-20 Uhr, Fr 15-19 Uhr, Sa/So 14-18 Uhr | kjubh Kunstverein, Dasselstr. 75 | www.academycologne.org | Eintritt frei

Charlotte Wollmann

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