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Aus „Mikel. Die Geschichte eines Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöste“
Bild: © Reprodukt

Bildflut, die ins Auge geht

14. Februar 2017

„Venustransit“ und „Mikel“ beim Comicfestival im Literaturhaus – Literatur 02/17

Das 2. Comicfestival lud am 10. und 11. Februar zum Schauen, Hören und Austauschen ins Literaturhaus am Großen Griechenmarkt. Wie auf einem fulminanten Trip der Figuren, Formen und Farben sollte sich der Besucher fühlen. Von historischen Entwicklungen bis hin zur Gegenwart der Comic-Szene.

Am Freitag moderierte Andreas Platthaus, Literaturchef und Comic-Experte der F.A.Z., einen Abend mit dem Titel „Leben erleben“ mit Hamed Eshrat und Judith Vanistendael. Vanistendael las mit ihrem charmanten belgischen Akzent aus dem Leben von „Mikel. Die Geschichte eines Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöste“ (Reprodukt). Der Comic von ihr und Mark Bellido erzählt von „einem Idealisten, in dessen Leben die rohe Gewalt einbricht“. Mikel führt mit seiner kleinen Familie ein entspanntes und sicheres Leben in einem kleinen andalusischen Dorf. Doch träumt er davon Schriftsteller zu werden und beschließt Leibwächter eines baskischen Politikers zu werden, den es vor Anschlägen der ETA zu schützen gilt. Denn so steht für Mikel fest: Wer etwas schreiben will, der muss auch etwas erleben.

Zum Einstieg in ihre erste Szene bittet Judith Vanistendael das Publikum „Regensound“ durch das sanfte Schnipsen und Reiben der Finger zu generieren. Das Prasseln klingt überzeugend. „Ich hänge am Leben“, sagt Mikel, der mit seiner neuen Kollegin an einem verregneten Abend die scheinbar endlosen Stunden der Observation in einem Auto absitzen muss. Sie, eine toughe Braut mit Kurzhaarschnitt und Lippenstift, muss dem Neuling schnellstmöglich beibringen wie ein Terrorist zu denken.


Aus „Venustransit“ von Hamed Eshrat, Bild: © avant-Verlag

Danach übernimmt der aus dem Iran stammende Hamed Eshrat den Abend. „Venustransit“ (avant-Verlag) lautet der Titel seines Comic-Debuts. In kraftvollen Schwarz-weiß-Bildern eröffnet er uns die Welt des in Berlin lebenden Ben Rama, welcher um die dreißig Jahre alt ist und sein Dasein als Programmierer fristet. Doch schlägt sein kreatives Herz eigentlich für die Zeichnerei, welcher er nicht mehr so richtig nachkommt. Aufgrund seiner chronisch miesen Laune verliert er dann auch noch seine große Liebe und löst sich zunehmend in einer Sinnkrise auf. In den Szenen des Berliner Stadtlebens findet man vertraute Lebens-Momente. Diskussionen um den Sinngehalt von Bio-Chips, ein unangenehmes lautes Schweigen bei einer Taxifahrt, das gute Gefühl, dass dir der Kiosk deines Vertrauens vermittelt, und Aussagen wie: „Wir wollen doch alle nur geliebt werden.“

Der Versuch die zerbrochene Beziehung zu seiner Freundin und die unklare Beziehung zu sich selber zu meistern, werden mit authentisch-skurrilen Szenen gemischt. So formuliert er für sich: „Eine Beziehung ist wie ein dreibeiniger Hocker. Kommunikation, Vertrauen und Respekt sind die Pfeiler.“ Doch wenn auch diese Formel nicht hilft, so ist es vielleicht die Wochenend-Betäubung im Club. Denn „Gegen Liebeskummer hilft nur bumsen!“, so wird Ben von seinem Kumpel geraten. Bei seiner Flucht aus der Realität steuert er den Berliner Szeneclub Berghain an und schraubt sich dort an der Garderobe – na logisch – den Kopf ab. Die Graphic Novel über Liebe, Verlust und Selbstfindung wird von Andreas Platthaus als erzählerisch höchst subtil gelobt und mit Nick Hornbys „High Fidelity“ verglichen.

Marielena Wolff

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