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Auf Tuchfühlung mit anderen Welten: Backpacker und Autor Andreas Brendt
Foto: Rebecca Ramlow

Zwischen Monsterwellen und Beamtendschungel

05. Mai 2017

Humorvolles Backpacken: „Wie schnell ist nix passiert!“ – Literatur 05/17

„Wer mir einen nachvollziehbaren Grund nennen kann, erwachsen zu werden, bekommt sämtliches Gold der Welt, einen Oscar in allen Kategorien und sei gleichzeitig in die Hölle verbannt“, schreibt Andreas Brendt in „Boarderlines“. Der Kölner Surfer und Autor hat sich Zeit mit der Adoleszenz genommen, und das war gut so.

Denn sonst würde er nicht so viel reisen und schreiben. Und sonst wäre er nicht hier  – bei einer Lesung der Reihe „Backpack Stories“, die von Eventmanagerin Carla Vollert seit Oktober letzten Jahres veranstaltet wird. Der Titel „Wie schnell ist nix passiert!“ ist an Mark Twain angelehnt, der bereits riet: „Explore. Dream. Discover.“

In einem aufregenden Multimedia-Spektakel in der Aula der Universität wird der Zuschauer mit auf eine abenteuerliche Reise genommen, kann die Mutation Brendts vom Kind mit strengem Gesichtsausdruck zum relaxten schönen Surferboy verfolgen, reist mit ihm ins Ausland, aber auch in den Beamtendschungel Deutschland, der nicht weniger lebensgefährlich ist. „Ich habe mit dem Surfen angefangen, weil ich dabei meine Seele baumeln lassen kann und weil es wie das Leben ist: Mal sehr schön, dann wieder ganz schlimm“, so Brendt, der zugibt, ursprünglich VWL studiert zu haben, und Manager werden wollte. Die Sinnfrage: „Ist das, was ich hier tu, eigentlich richtig?“, löste bei ihm die Reiserei aus.


Andreas Brendt, Foto: Balosch&wearecity

Der inzwischen 42-Jährige finanziert diese mit Gelegenheitsjobs und als Surflehrer. So berichtet Brendt, der 20 Jahre Reisen auf dem Buckel hat, in seinem ersten Buch „Boarderlines“ von nackten Rollschuhfahrerinnen, von ihn beinahe überfahrenden Tuk-Tuks, von horrender Kriminalität in Südafrika, von seinem Kumpel Eckhardt, der trotz bedrohlicher Gefahr nur darauf bedacht ist, Marihuana zu besorgen, sowie von netten und unnetten Begegnungen tierischer Art: Von einer Konfrontation mit einem Nashorn, von in seinen Rucksack pinkelnden Hunden, von lächelnden Kühen in Indien oder von unliebsamen Bettgenossen wie Skorpionen. Doch nicht nur Tiere, auch die unterschiedlichsten Menschen lernt er bei seinen Trips kennen: „Das hat mir den Druck genommen und mein Verständnis von Normalität verändert. Ich habe festgestellt, dass das, was wir hier als normal empfinden, woanders gar nicht üblich ist.“

Doch irgendwann verliert das Reisen selbst für Brendt seinen Charme. So wird die Begegnung mit einem Hai zum dramatischen Wendepunkt in seinem Leben und in seinem Buch: Als er im Meer eine vermeintliche Haifischflosse entdeckt, gerät er in wilde Panik. Zum ersten Mal verspürt er echte Angst. Brendt, der schon als Trainer die Nationalmannschaft bei Surf Games begleitete, muss feststellen, dass die durch die Angst entstandenen Monster in seinem Kopf bedrohlicher sind als der eigentliche Hai. Mit Bildern von Monsterwellen, blutenden Armkrüppeln und Haifischflossen im Kopfgepäck kehrt er geläutert nach Deutschland zurück. Das ist es, was seine Werke sympathisch macht: dass er nicht blenderhaft von der Super-Surfwelle berichtet, sondern Höhe- wie Tiefpunkte miteinschließt.

Zurück in Deutschland und im zweiten Buch „Boarderlines – Fuck You Happiness“ versucht er schließlich im harten Beamtenapparat zu überleben. Brendt wagt es, ein Referendariat als Berufsschullehrer zu absolvieren mit einem strengen Vorgesetzten, der ihn gelegentlich an Hitler erinnert. Doch natürlich holt ihn das Fernweh im grauen Referendariatsalltag wieder ein. Aufgrund des Stresses benötigt er einen Tapetenwechsel: Diesmal ist es eine abenteuerliche Reise in den Senegal, die mit der Bekanntschaft von Jerry und John, zwei bereits im Flugzeug konstant aus „Flugangst“ Mariuhana und Whiskey konsumierenden Passagieren, beginnt, und im Hotel „Real Africa“ einen Zwischenhalt macht. „Real Africa“ ist eine Unterkunft mitten im Slum. Einziges Inventar: Ein kaputter Stuhl und kein fließendes Wasser. Gerade, als er sich fragt, wie er hier hinkam, betritt ein Junge sein Zelt, zeigt auf ihn und lacht lauthals los. Beide lachen und hören nicht mehr auf. „Als ich von diesem Trip zurückkehrte, war plötzlich alles gut“, schließt Brendt. „Ich habe gelernt, dass man überall glücklich und unglücklich sein kann. Egal, wo man ist.“

Andread Brendt: Boarderlines – Fuck You Happiness | Conbook Medien | 448 S. | 10,95 €

Die Veranstaltungsreihe „Backpack Stories“ findet regulär in der Wohngemeinschaft statt | backpack-stories.de

Rebecca Ramlow

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