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Werner Streletz
Foto: Brigitte Korber

Sprachlose Männer

28. Juni 2022

„Dämmerung der Leitwölfe“ von Werner Streletz – Textwelten 07/22

Es ist eine Welt, die im Begriff ist zu verschwinden. Die Kneipe an der Ecke, eine Handvoll Gäste, alles Männer, die lässig an der Theke lehnen. Dahinter ein Wirt, Gläser spülend mit bedächtigen Bewegungen, die Langeweile soll ja nicht allzu quälend spürbar werden. In seinem neuen Roman „Dämmerung der Leitwölfe“ taucht Werner Streletz in dieses Universum aus Bier und Cola ein, in dem sich Männer in fortgeschrittenem Alter wohler fühlen als zuhause bei der Familie oder alleine vor dem Fernseher. Nur gibt es diese Kneipen kaum noch und das bietet Anlass zur Melancholie. Die leise Trauer über vergangene Lebenszeit gibt dem Roman von der ersten Seite an sein besonderes Aroma.

Ein allwissender Erzähler erinnert sich an die Schulzeit von Sikorski und Beton. Vornamen zählten in dieser Generation nicht, die noch den Atem ihrer Väter im Nacken spürt. Eine geschlossene Welt der Jungs, in der die Regeln der Teenagerzeit immer noch die Richtung vorgeben, wenn man mittlerweile auch in die Jahre gekommen ist. Die Anwesenheit von Frauen würde helfen, aber der Roman spart ihre Anwesenheit konsequent aus. Werner Streletz lässt sich Zeit für den Konflikt zwischen den Kontrahenten Sikorski und Beton. Letzterer beginnt sich für Kunst zu interessieren und versammelt eine Gruppe von Talenten um sich. Sikorski kann sich vorstellen, für sie eine große Bühne zu schaffen, während Beton die Öffentlichkeit meidet. Mit den Jahren entwickelt er eine immer stärker ausgeprägte Mischung aus Misstrauen und Lebensekel, die zunehmend die Freundschaft vergiftet.

Die Stärken des Romans bedingen seine Schwächen. Werner Streletz entwirft mit Akribie das Ambiente der Trinkhallen, Kneipen oder der Kirmes. Eine Welt vor aller Digitalisierung, an deren Details er wortreich klebt. Sie ist weit mehr Gegenstand des Romans als die schleichende Feindschaft der Männer, der letztlich die dramatische Zuspitzung fehlt. Subtil sickert hingegen die Trauer über die Sprachlosigkeit der Jungenwelt in die Geschichte ein. Werner Streletz zeigt treffend, dass man nicht gelernt hat, hinter die Regeln der Kumpanei zu schauen, um echte Nähe herzustellen.

Werner Streletz: Dämmerung der Leitwölfe | Projekt Verlag | 170 S. | 14,80 €

Thomas Linden

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