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Foto: Von Spar

„Wir machen Musik für Leute wie uns“

29. November 2022

Von Spar über ihre künstlerische Strategie – Interview 12/22

2019 ist das sechste Album der Kölner Von Spar erschienen. Nun haben sie nach u.a. Wolfgang Voigt und Mouse on Mars den mit 15.000 Euro dotierten, nach dem Bassisten der legendären Kölner Krautrock-Band Can benannten Holger Czukay-Preis der Stadt Köln erhalten. choices sprach mit Sebastian Blume (Synthesizer, Klavier) und Jan Philipp Janzen (Schlagzeug, Programmierung) über den Preis und ihre Musik, während sich Christopher Marquez (Bass, Programmierung) und Phillip Tielsch (Gitarre) für den gemeinsamen Auftritt im Luxor im Rahmen der Preisverleihung vorbereiten.

choices: Herzlichen Glückwunsch zum Holger Czukay-Preis, immerhin die höchstdotierte Auszeichnungfür Popmusik in Deutschland! Was bedeutet euch dieser Preis?

Sebastian Blume (SB): Das ist auf jeden Fall eine tolle Anerkennung unserer Arbeit der letzten 20 Jahre und das Schöne ist, dass wir uns mit dem Namenspatron des Preises gut identifizieren können bzw. seine Arbeit und dessen Herangehensweise sehr schätzen. Da gibt es auch Überschneidungen mit uns.

Überschneidungen sicherlich, aber dann beginnt man schon zu überlegen, wie man euch überhaupt labeln könnte, denn ihr verändert euch ja ständig. Ihr habt recht post-punkig beziehungsweise electro-punkig angefangen. Dann euren Sound an experimentellen Krautrock, dann eher an die elektronische Berliner Schule des Krautrock wie Klaus Schulze oder Tangerine Dream angelehnt. Und schließlich bei den letzten beiden Alben so eine West Coast-Popeleganz einfließen lassen. Ihr macht mit jedem Album was Neues, aber vom vorherigen schleift der Sound noch etwas mit. Ist dieser stete Wandel geplant, eine Strategie?

Jan Philipp Janzen (JJ): Darin zeigt sich einfach unsere Begeisterung für Musik – alle in der Band sind Musikfans. Letztendlich ist es unsere Aufarbeitung der Musik, die uns zu dem jeweiligen Zeitpunkt interessiert, aber natürlich mit den eigenen Mitteln verarbeitet. Wenn man sagt, da ist dann immer etwas Eigenes von uns dabei, dann ist das gar nicht unbedingt so geplant, sondern liegt zum Teil auch daran, dass wir nicht den Elan haben, etwas genau zu kopieren. Und so entsteht etwas Neues. Das muss nicht immer zeitgemäß sein, wir schielen damit nicht auf den Musikmarkt, aber was einen selber interessiert, interessiert oft ja auch noch andere.

Dadurch entsteht eine große musikalische Farbpalette. Wie verhindert ihr, dass das auseinanderfällt?

Beide (lachend): Es fällt ja auseinander!

Ich denke da auch an das Publikum, dass euch vom letzten Album kennt und dann vom nächsten ziemlich überrascht sein könnte.

JJ: Wir haben in der Band alle unterschiedliche Musiksozialisationen – Sebastian kommt eher von der Klassik und der Neuen Musik, ich eher von Punk oder Techno – aber die Gemeinsamkeit ist, dass wir alle es immer wertgeschätzt haben, wenn Bands es dem Publikum gerade nicht recht machen. Das ist keine Ablehnungshaltung gegenüber dem Publikum, wir machen einfach Musik für Leute wie uns, die überrascht werden wollen. Aber es stimmt, damit machen wir es uns nicht leicht.

Dass ihr es euch nicht leicht macht, gilt auf mehreren Ebenen. Als euer Sänger Thomas Mahmoud nach dem zweiten Album gegangen ist – habt ihr dann zunächst einen Sänger gesucht und seid daran gescheitert oder war es der Plan, ab dann mit Gastsänger:innen zusammenzuarbeiten? Auch das ist ja z.B. für Tourneen eine Erschwernis ...

SB: Mit Gastsänger:innen zu arbeiten, war nicht zu 100 Prozent geplant, aber es passt sehr gut zu unserer Arbeitsweise, weil wir sehr oft erst die instrumentalen Strukturen entwickeln und dann überlegen, ob der Song nach einer Stimme verlangt. Wir haben unsere eigenen Texte geschrieben und an Melodien gearbeitet, hatten aber schließlich nicht das Vertrauen in die eigene Stimme – vielleicht zu Recht – und dann hat sich das einfach ergeben. Bei dem eher instrumental angelegten Album „Foreigner“ war Gesang noch nicht so wichtig, aber bei „Streetlife“ war es klar, dass wir Gesang brauchen, weil das schon sehr Pop-infiziert war. Es ist es ein Luxus, wenn man sagen kann, man sucht sich speziell für ein Stück jemanden, der/die am besten passt. Aber Du hast recht, da stellen wir uns bezüglich der Liveumsetzung mitunter ein Bein, wenn wir beim Produzieren nur an das Studioprodukt denken. Bei der Liveumsetzung entstehen daher oft noch mal ganz andere Versionen, je nachdem, ob der Sänger/die Sängerin verfügbar ist. Mitunter ist dann auch eine Instrumentalversion ein Workaround.

Wie sucht ihr die Sänger:innen aus?

SB: In der Regel sind das Leute, deren Arbeit wir schon länger verfolgt hatten. Chris Cummings (Mantler; Marker Starling), mit dem wir am häufigsten zusammengearbeitet hatten, hatten wir über unser damaliges Label Tomlab kennengelernt.

JJ: Das war direkt so angenehm, freundschaftlich und mit so vielen tollen Ideen von seiner Seite, dass wir die Zusammenarbeit dann gerne immer wieder aufgegriffen und auch schon mehrere Touren mit ihm gespielt haben. Das hat uns motiviert, weiter mit Kooperationen zu arbeiten, aber so unkompliziert wie mit Cummings, der sehr in sich ruht und dem man auch mal etwas am Text rausstreichen kann, ist das nicht immer. Mal funktioniert so etwas besser, mal schlechter …

Mit im Schnitt alle vier Jahre ein neues Album habt ihr einen eher lockeren Veröffentlichungsrhythmus. Wie kommt das zustande? Rein rechnerisch dürfen wir uns dann in 2023 auf ein neues Album freuen ...

JJ: Mitunter fehlen uns ganz einfach die Ideen und dann wird daraus schnell ein Vierjahresrhythmus. Und wir wollen nicht einfach das gleiche machen, nur um was zu veröffentlichen. Das ist auch so eine Sache, die uns das Leben nicht einfach macht.

SB: Tatsächlich hat schon Ende 2019 die Arbeit an einem neuen Album begonnen, als die japanische Musikerin und Sängerin Eiko Ishibashi für das Week-End Fest mit ihren beiden Tour-Schlagzeugern Joe Talia und Tatsuhisa Yamamoto in Köln war. Wir haben uns dann zu einer einwöchigen Session in unserem Studio getroffen und wahnsinnig viel Material aufgenommen. Alleine das ganze Material zu sichten – das hat vor allem Christopher Marquez gemacht –, hat schon lange gedauert, und dann noch mal das Aufarbeiten und mit zusätzlichem Material zu füllen. Gerade sind wir am Feinschliff und Mixing und hoffen, die Platte bis Ende 2023 veröffentlichen zu können.

Ihr seid auch als Produzenten tätig. In den von euch gegründeten Dumbo Studios entstanden seit 2010 neben den eigenen Von Spar-Veröffentlichungen auch Produktionen für The Field, PTTRNS, Die Sterne, Urlaub in Polen oder C.A.R. Mit welchem Gedanken ist das Studio entstanden?

JJ: Das war ein Zufall, weil wir eigentlich einen Proberaum gesucht und dann das Studio gefunden haben. Uns war aber auch vorher schon klar, dass das nicht so weitergehen kann, dass wir bei Aufnahmen pro Tag ein Studio bezahlen, weil wir zunehmend mehr Zeit brauchten, um mit unserer Arbeit zufrieden zu sein. Wir haben dann Equipment gekauft und „Foreigner“ im Alleingang aufgenommen. Nach und nach haben wir dann angefangen, auch andere Bands dort aufzunehmen, weil uns erste Anfragen erreichten. Es ist natürlich schön zu sehen, wie im eigenen Umfeld – also in Köln – neue, junge Künstler nachwachsen, aber am Ende geht es dabei vor allem um spannende neue Musik.

Wie wählt ihr unter den Anfragen aus?

JJ: Es gibt verschiedene Phasen. Mitunter konnten wir da nicht so groß selektieren, weil Anfragen vor allem von Leuten kamen, die unsere Musik oder unsere Produktionen kennen. Es kamen aber auch mal unspezifische Anfragen über Facebook, wo direkt klar war, dass das nicht passt.

SB: Wir haben uns da langsam reinarbeiten müssen. Es gab am Anfang einige Arbeiten, wo wir selber noch mit dem jeweiligen Projekt zusammen gelernt und unkonventionelle Wege erprobt haben. Zum Beispiel habe ich mir beim Mischen der ersten EP von Barnt viele Techniken erarbeitet, die wir dann auch anderswo nutzen konnten. Aber eigentlich produziert Philipp das meiste.

JJ: Das stimmt, bei mir ist das dann zum Job geworden, aber generell gilt bei uns: Wer Zeit und Lust hat, produziert.

Interview: Christian Meyer-Pröpstl

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