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Ron Winkler, Wolfgang Schiffer und Simone Kornappel
Foto: Tim Preuß

Gedichte zwischen Möglichkeitsformen

07. Februar 2020

Ein Abend über Thien Tran im Literaturhaus – Literatur 02/20

Als „(gar nicht mehr so geheimer) Geheimtipp“ galt der halb in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit drängende, halb gestoßene Thien Tran (1979-2010) nach der Preisverleihung bei open mike – Wettbewerb für junge Literatur im Jahr 2008. Der Status des wirklichen ‚Geheimtipps‘ schien sich jedoch in den vergangenen Jahren eher zu festigen und dem aus Südvietnam stammenden Kölner Lyriker drohte nach seinem frühen Tod das Vergessen abseits eines ohnehin mit seinen Texten vertrauten Publikums, wie es sich auch an diesem Abend über Thien Tran im Literaturhaus Köln einfindet. Vor dem Verschwinden in Vergessen und Sprachlosigkeit bewahrt hat ihn die im letzten Jahr im Elif-Verlag erschienene Sammlung seiner Gedichte, in der bisher Verstreutes oder Unveröffentlichtes gesammelt dargeboten wird und neuerlich oder erstmals zur Sprache kommen kann.

Erinnerung ohne Andacht, mit Pietät

Auf dem Podium moderiert der Schriftsteller und Übersetzer Wolfgang Schiffer, seine Gesprächspartner sind der Lyriker und Herausgeber der Gedichtsammlung Ron Winkler und die Lyrikerin Simone Kornappel. Zur Sprache jedoch kommen Trans Gedichte zunächst durch Tran selbst, im ganz konkreten Sinn. Möglich wird das durch Aufnahmen der Initiative lyrikline, für die er 2008 zehn Gedichte einlas. Das ist interessant als Möglichkeit einer ‚posthumen Lesung‘ und einer Nachlassverwaltung mit den Mitteln der Gegenwart, und gibt dem Abend einen gewissermaßen unsicheren Status, geht es hier doch unter anderem um die Vorstellung einer Nachlassausgabe, jedoch eben eine, wo der Schriftsteller selbst trotz allem liest.

Viel wird an diesem Abend probiert, um dessen Texte zu erschließen. Es ist ein Abend, der erinnert an „eine der prägnantesten Stimmen der jungen Generation“, wie Schiffer die Einschätzung vieler Zeitgenossen Ende der 2000er beschreibt. Die Gesprächspartner ergehen sich nicht in Versuchen einer abschließenden Interpretation und werden so Thien Trans Gedichten an diesem Erinnerungsabend ohne Andacht, aber mit Pietät, gerecht.

Freilich geht es auch um den Menschen Thien Tran und seine Intentionen zum Schreiben, wobei sich für die Zeit vor den ersten Textzeugnissen nur wenige Informationen auftun über diesen offensichtlich eher introvertierten Menschen ohne dezidierte Öffentlichkeitsorientierung für seine Gedichte, wie sich auch aus seinen Tondokumenten heraushören lässt: eine Vortragsweise, die Winkler als „Text in die Welt stellen“ beschreibt. Und doch sei Tran mit keinem geringeren Anspruch aufgetreten als mit einem „großen Kunstwillen“ „aufs Ganze“ zu gehen.

Vorbilder und Gedichte als Cluster

Zahlreiche Vorbilder und Orientierungen lassen sich für sein Schreiben aufs Ganze benennen: die Beat-Generation, ihr deutscher Vermittler Brinkmann, Fluxus, aber auch die „Kookbooks-Generation“ der deutschsprachigen Lyrik und die Lesefrüchte und Theoriebegriffe aus einem umfassenden Studium philosophischer Texte vor allem der Merve-Literatur. Sei „fieldings“ (2010), Trans erster und zu Lebzeiten einziger Gedichtband, nach Winkler noch „weich, verspielt, weltzugewandt“, differenziert sich schon hier und folgend immer weiter der Ton in Witz, Skurrilität und Übertreibung, aber auch in einen gewissen, grundlegenden Ernst, in Melancholie, die sich in den Gedichten nicht ausschließen. Vor allem „nicht Naheliegendes zusammenzubringen als organisches Miteinander, Nebeneinander“, oder, wie Schiffer es nennt, „Cluster“ zu bilden, wie schließlich Kornappel es erfasst, „Möglichkeitsformen“ in der Aneinanderreihung von Szenen durchzuspielen sei formales Prinzip der Texte. Zwar wäre „‚filmisch‘ […] ein zu allgemeiner Begriff“, wie Winkler hervorhebt. Aber im Versuch, Trans „Poetik der Zerreißprobe zu inszenieren“, der Zerreißprobe zwischen Sprache und Alltagserfahrung, fallen oft Umschreibungen aus dem Bereich des Bildlichen, Bildhaften und des Experimentellen auf.

Verbindend sei den Gedichten eine tiefgreifende Unsicherheit, die sich auch als Versuch im Rahmen von Möglichkeitsformen erfassen ließe. Es sei, so Kornappel, „immer nicht ganz klar: Wo ist die Persona, das Personal“. Es gehe hier, sagt Winkler, um „viele Leute: Ichs, die utopisch sind, aber nicht das richtige Werkzeug haben, das aufzulösen“. In den Gedichten verschwimme so die Grenze zwischen lyrischem Ich, Autor und Lesern, wie Schiffer bemerkt.

In den Lesungen aus den gesammelten Gedichten durch Winkler und Kornappel werden die Unterschiede und Möglichkeitsformen, die den Gedichten eingeschrieben sind und eine abschließende Interpretation verhindern, beeindruckend verdeutlicht, lassen die Gedichte doch verschiedenste stimmliche, performative Deutungen und (Vor-)Lesarten zu.

Moderne Editionspraxis und Zeitlosigkeit

Die Sammlung sei weder „vollständige Sammlung noch ein Best-of.“ Für die Auswahl der Gedichte musste Winkler auf die Festplatte und dort gespeicherten Gedichte Trans zurückgreifen, wobei diese weder einheitlich geordnet oder datiert gewesen seien, sodass die „Situation […] ein bisschen unübersichtlich“, „alles ein wenig unsicher“ gewesen sei. Zu klären waren zahlreiche Detailfragen für die schließlich gedruckten Formen der Gedichte, etwa fehlerhafte Interpunktion oder Schreibweisen, welche im Feld der Literatur alle möglicherweise sinnbehaftet sein können. Ein gewisser Pragmatismus sei schließlich unabdingbar gewesen, denn es „gibt Fragen, die lassen sich nicht beantworten.“

Der Nachlass Trans ist zudem nicht sehr umfangreich, in der Sammlung würden „70 bis 75 Prozent der Texte, die es gibt“, zugänglich. Von Schiffer befragt nach seiner Motivation, dieses Projekt anzugehen und zu Ende zu führen, verweist Winkler auf ein „naives Gerechtigkeitsverlangen“. Denn: „Jemand mit bestimmter Tonalität sollte da sein“ und nicht dem Vergessen anheimfallen.

Gegenüber möglichen Zweifeln an der Aktualität der Gedichte, an ihrer heutigen Lesbarkeit, stellt er schließlich eine überzeitliche „Zerbrechlichkeit, die nicht wehleidig ist“, eine ebenso zeitlose ironische Verarbeitung von Alltäglichem heraus, die heute noch überzeugt als Möglichkeit, dem Gegenwartsalltag gegenüberzutreten. Diese in vielerlei Hinsicht besondere, selbstbewusste, „verquere Herangehensweise an die Welt“, ein „echtes Nehmen und Wirkenlassen“, ist wohl eine der wenigen abschließenden Interpretationen, die sich für Thien Trans Gedichte festhalten lässt – und die mutmaßlich beste Weise, ihnen mit ihren zahlreichen Möglichkeitsformen zu begegnen.

Thien Tran: Gedichte | Hg. v. Ron Winkler | Elif Verlag | 140 S. | 20 €

Tim Preuß

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