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Sibylle Berg
Foto: Katharina Lütscher

Nerds retten die Welt

01. August 2022

„RCE: #RemoteCodeExecution.“ von Sibylle Berg – Klartext 08/22

Sibylle Berg gehört zu den umtriebigsten Schriftsteller:innen im deutschsprachigen Raum. Ihre Spiegel-Kolumnen sind berüchtigt und ihre Bücher erklimmen die Bestseller-Listen – zuletzt „GRM – Brainfuck“, ihr bis dato erfolgreichster Roman. Darin zerlegte sie die hoffnungslos stimmenden Zustände unserer neoliberalen Absurdität. Ähnliches hat sie nun mit „RCE: #RemoteCodeExecution.“ vor, der umfangreichen Fortsetzung ihrer literarischen Weltrettungskampagne.

Der Einzelne ist machtlos. Der Kapitalismus scheint alternativlos. Wenige sind reich. Viele arm. Der Konsum schluckt jeden Sinn. Die fortschreitende Digitalisierung hat auch die Vereinzelung vorangetrieben, am Horizont schimmern Marc Zuckerbergs Metaverse, die Inflation, diverse Seuchen, Hungersnöte, Diktatoren (männlich) sowie rasant wachsende Müllberge, Kriege, Ausbeutung, die Klimakrise und unzählige andere Desaster. Es ist die schlimmste aller Zeiten, alles eigentlich wie immer, nur in superextrem. Doch fünf Hacker-Freund:innen wollen die abwärtsrollende Erdkugel mit einem Keil bremsen: „Der Versuch, die Welt zu retten, erschien logisch, denn es war dumm, keinen letzten Versuch zu unternehmen, aufzuhalten, was ihrer und der Meinung Tausender ExpertInnen zufolge in Katastrophen enden würde.“ Die sogenannte Handlung, lose zusammengehalten von der Geschichte um ebendiese fünf Hacker, arbeitet sich auf ein „Ereignis“ zu, das alles zum Besseren kehren soll.

„RCE“ ist wie „GRM“ ein Kraftakt, in dem Frau Berg ihre typisch treffsicheren und hochinformierten Gegenwartsanalysen serviert. Kaum jemand beherrscht es so bravourös, die zum Alltag gewordenen Perversionen und Missstände zu entlarven. Das ist auch hier erhellend und von abgründiger Komik durchdrungen. Doch was im Vorgängerroman originell daherkam, hat sich dort als Konzept etwas erschöpft. „RCE“ liest sich mit seinen knapp 700 Seiten mehr wie eine Wiederholung als ein Nachfolger. Und auch wenn es passagenweise hochunterhaltsam hergeht, wirkt der pausenlos beschriebene Sch***zustand unserer Welt etwas abwechslungslos und führt daher immer wieder zu leichten Ermüdungserscheinungen. Eine Empfehlung geht daher an die „Die Hard“-Fans oder Neueinsteiger raus.

Sibylle Berg: RCE: #RemoteCodeExecution. | Kiepenheuer & Witsch Verlag | 704 S. | geb. 26 €

Nathanael Brohammer

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