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Salonfähige Comics

30. Juni 2016

Hierzulande ist der Comic keine Männerdomäne – ComicKultur 07/16

Alle zwei Jahre trommelt der Comic-Salon Erlangen, die bedeutendste Comicmesse Deutschlands, die gesamte deutschsprachige Szene zusammen. Oder Szenen, denn zwischen Mangafans, Superheldenverehrern und Graphic Novel-Lesern gibt es oft nur wenige Berührungspunkte. Dass diese Kolumne zur Graphic-Novel-Lobby gehört (ein lustiger neuer Kampfbegriff, der sich da gerade herausgebildet hat) ist offensichtlich.

Zunächst einige eher kleine Mitbringsel vom Salon: Yi Luo erzählt in „Running Girl“ auf nur 30 Seiten von ihren Schwierigkeiten als Studentin in Deutschland: Sprach- und Kulturbarriere, Rassismus, Heimweh und Liebeskummer setzen der jungen Frau schwer zu – aber sie muss sich dem Leben stellen. Luo erzählt knapp, aber präzise und berührend, und ihre Aquarellzeichnungen sind beeindruckend (Reprodukt). Burcu Türker scheint ihre dünnstrichigen Zeichnungen mit Farbflächen förmlich zu attackieren. Die Autorin steht ihren überwältigenden Gefühlen ähnlich hilflos gegenüber wie die dünnen Striche den Farbflächen, wenn sie nach dem Tod der Mutter ihr Selbstbewusstsein als Künstlerin verlässt. „Süße Zitronen“ ringt mit der Verzweiflung, ist aber zugleich eine Liebeserklärung an die früh verstorbene Mutter (Jaja Verlag). Selbstzweifel auch hier: „Von Spatz“ erzählt von einer Nervenklinik für Künstler, wo u.a. Walt Disney, Tomi Ungerer und Saul Steinberg via Kunsttherapie gesunden sollen. „Ich bin ein schlechter Künstler, selbst meinen Zeichnungen kommen die Tränen“, bemitleidet sich Disney, während der Leser zwischen Tragik und Komik hin und hergerissen ist. Anna Haifisch war in Erlangen für den besten deutschen Comic nominiert, ging aber leer aus. Fans ihres ungewöhnlichen, surrealen und sehr farbigen Stils gibt es zurzeit dennoch zur Genüge (Rotopol).

Es ist kein Zufall, dass bislang nur Künstlerinnen genannt wurden, denn die Preise in Erlangen gingen vor allem an Frauen. Den Preis, den „Von Spatz“ nicht gewann, hat „Madgermanes“ von Birgit Weyhe erhalten. Weyhe hat für ihren Comic über afrikanische Vertragsarbeiter in der DDR viel recherchiert, Interviews geführt und aus dem Material drei miteinander verflochtene fiktive Schicksale amalgamiert. In ihren oft symbolhaften Zeichnungen transportiert sie eindringlich den Zusammenprall der Kulturen, die Entfremdung und die Ausbeutung (avant-verlag). Christian de Metter hat Pierre Lemaitres Roman „Wir sehen uns dort oben“ in aufwendige Farb…gemälde übersetzt. Schikaniert von ihrem Vorgesetzten, kehren zwei französische Soldaten nach dem 1. Weltkrieg mittellos und versehrt in die Heimat zurück. Dort sollen sich die Wege der drei erneut kreuzen. Dicht und dringlich erzählt de Metter von den Nöten in der Nachkriegszeit und von der Skrupellosigkeit der Kriegsgewinnler. Auch wenn der überdeutliche Antagonist das Thema vereinfacht, durchdringt die Tragik des Krieges die Bilder (Splitter). Nominiert für den besten internationalen Comic war u.a. „Der Araber von morgen“ von Riad Sattouf. Sattouf, ehemals Zeichner bei Charlie Hebdo und auch als Regisseur tätig, hat seine Kindheit zwischen Frankreich und verschiedenen arabischen Ländern verbracht.

Gerade ist der zweite Teil seines autobiografischen Funnys erschienen, der humorvoll zwischen den Absurditäten der Kulturen hin und her switcht (Knaus). Den Preis hat Sattouf nicht bekommen. Auch der ging an weibliche Mitstreiter: Mariko und Jillian Tamakis „Ein Sommer am See“, wurde in dieser Kolumne bereits vorgestellt.

Christian Meyer

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