Die schönsten Farben kreiert die Liebe. Zumindest die leuchtendsten. Von Neonpink bis Südseetürkis. Ein wahres Neuronenfeuerwerk, das sich in unseren Hirnwindungen abspielt. Unabhängig davon, dass im Außen gar keine Farben existieren. Nur Beschaffungen von Oberflächen, in denen sich das Licht in unterschiedliche Wellenlängen bricht, die wiederum erst von unserem Gehirn und dem unmittelbar dazugehörigen Sehapparat in Farben verwandelt werden. Nur: Wenn schon unsere Wahrnehmung auf einer hübschen neuronalen Lüge basiert, zu welch phänomenalen intrinsischen Verklärungen der Realität mag sich unser Hirn dann noch aufschwingen; nicht zuletzt unter pheromonaler Stimulanz wie in der Liebe…
Als eine der schonungslosesten Chronistinnen dieser Urgewalt aus Leidenschaft und Vernunftlosigkeit erweist sich stets aufs Neue Zeruya Shalev. Im „Schmerz“ [Berlin] gefangen leidet ihre Protagonistin weniger unter den körperlichen Folgen eines Selbstmordattentats als unter dem für sie schmählichen Ende ihrer ersten großen Liebe. Und doch: Als ihr Ex erneut in ihr Leben tritt, ist sie bereit, nicht nur ihre Familie, sondern auch sich selber zu verraten.
Nicht minder erwähnenswert im Kontext vom Selbstbetrug und Realitätsverdrehung: Friedrich Ani und „Der namenlose Tag“ [Suhrkamp]: Jakob Franck, Kommissar a.D., hat sich mit den Toten einstiger Fälle in seinen heimischen Wänden eingerichtet, doch dann taucht ein weiterer Geist auf: Ludwig Winther, der den vermeintlichen Selbstmord seiner Tochter sowie den anschließenden seiner Frau auch 20 Jahre später noch nicht mit seiner eigenen Lebenslüge vereinbaren kann.
Natürlich kann es aber auch überaus erheiternd sein, zu lesen, wie sich all die Männlein und Weiblein in ihrem eigenen Trugschloss winden und schinden – speziell, wenn es sich wie in Andrea De Carlos „Villa Metaphora“ [Diogenes] um ein arglistiges Stelldichein illustrer Wichtigtuer handelt. Ein munterer, trotz seiner Ausschweifungen kurzweiliger Ringelpietz, bei dem sich jeder seine eigene Grube gräbt.
Bei Richard Yates hingegen, dem wahren MC des literarisch inszenierten Selbstbetrugs, hat es seit jeher nur der konventionellen amerikanischen Vorstadtidylle als Spielwiese bedurft. Ein paar Spritzer Wasser in den Bourbon und perfekt ist der Illusionszauber, dem sich seine Protagonisten auch in „Cold Spring Harbor“ [DVA] hingeben. Nah dran und trotzdem immer schön vorbei am eigenen Leben. Generation für Generation: Harmonie als dysfunktionale Strategie.
Um derartige Erbfolgen braucht sich Fuminori Nakamuras „Dieb“ [Diogenes] als Einzelgänger nicht zu scheren. Doch auch ihm ist der psychosoziale Gendefekt des Selbstbetrugs nicht fremd. Immer wieder finden sich Portemonnaies in seiner Tasche, die nicht von allein dorthin gefunden haben können. Immer wieder taucht der Turm seiner Kindheit als mahnender Schatten am Horizont auf. Und doch läuft er seinem ‚Schicksal‘ geradezu freiwillig in die Arme.
Und so ist es besonders ‚interessant’, mit welchem bisweilen geradezu zärtlich-selbstironischem, immer aber herrlich widerspenstigem Umgang sich Adam Johnsons Protagonisten im Angesicht des „Nirvana“ [Suhrkamp] dann doch noch der eigenen Selbstverklärung stellen. Es mag zynisch klingen, aber zumindest in dem kurz vor Toresschluss aufflammenden Bewusstsein steckt die Chance, sich endlich den Dämonen zu stellen – wenn wir sie sonst schon nicht sehen wollen.
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