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Mit bärbeißigem Charme: Helge Schneider in „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“.
Foto: Presse

„In Mülheim gibt es kaum Tourismus“

26. September 2013

Helge Schneider über „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“, den Charme des Ruhrgebiets und Rocko Schamoni – Roter Teppich 10/13

Den 1955 in Mülheim an der Ruhr geborenen Helge Schneider kennt wohl fast jeder. Nicht alle können mit seinem absurden Humor und seinen jazzlastigen Filmen etwas anfangen. Dennoch sind „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“, „Praxis Dr. Hasenbein“ oder „Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ längst Kult. Nach fast zehn Jahren Pause hat Helge Schneider mit „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ nun seinen fünften Film in Eigenregie inszeniert – und ist natürlich auch in der Titelrolle zu sehen.

trailer: Herr Schneider, „00 Schneider: Im Zeichen der Eidechse“ ist Ihr erster eigener großer Film seit „Jazzclub“ – warum ist es keine Fortsetzung dieses Erfolgsfilms geworden?
Helge Schneider:
Das ist ja so, wie wenn einer ein Bild gemalt hat – das will er dann doch nicht noch mal malen. Ich mag Serien in dieser Art nicht. „Jazzclub“ war als Film ein Unikat. Während ein Film mit einem Kommissar… dem könnte man schon öfter zugucken, wie er seine Fälle löst zum Beispiel. Aber es kommt natürlich auch Jazz vor in dem Film, mindestens so viel wie in „Jazzclub“. Meine Arbeit beinhaltet ja nicht nur die Filmerei, sondern auch die Musik, aus der ich eigentlich komme. Viele Szenen sind so angelegt, dass die Musik dabei eine große Rolle spielt. Tanzszenen, Knutschszenen, Szenen, in denen man Auto fährt…

Teile des Films haben Sie wieder in Ihrer Heimat Mülheim an der Ruhr gedreht…
Wenn wir Außenszenen drehen, drehen wir eigentlich immer in der Öffentlichkeit. Wir haben keine besonders abgesteckten Gebiete oder Studios. Wir arbeiten auch nicht mit Green-Screen- oder Blue-Screen-Leinwand, um hinterher etwas reinzukopieren. Wir haben mit Super-16-Millimeter gearbeitet und waren dabei vielleicht die Letzten in Deutschland oder sogar Europa, die noch mit richtigem Film gedreht haben. Dazu hatte ich mich entschieden, weil man das Material anfassen kann. Das andere kannst Du nicht anfassen, das gibt’s nicht, das ist nicht existent – nur so ein Plastikding. Da drinnen sind ganz viele Halbleiter.

Wo wurde außer Mülheim denn noch gedreht?
Mülheim – Duisburg – Essen, die Triangel. Ja, das Ruhrgebiet. Das wird repräsentiert durch drei Städte und deren Baustil (lacht). Da gibt’s in Duisburg die Thyssen-Hütte, da hatte ich spontan einige Außendrehs. Und dann natürlich die Menschen, die man ab und zu mal sieht. Ab und zu läuft mal jemand durchs Bild, manchmal auch mehrere. Und ich habe versucht, die Öffentlichkeit immer so ein bisschen mit einzubeziehen, wie ich das auch in „Jazzclub“ schon gemacht habe, um eine Authentizität zu erreichen, die einen dann so ein bisschen unsicher macht, ob das, was man da sieht, nicht doch auch ein bisschen Realismus ist, oder ob es nur Fantasie ist.

Eine Mülheimer Location kennt man schon aus „Jazzclub“ – steht die bei Ihnen symbolisch für den besonderen schmucklosen Charme des Ruhrgebiets?
Na ja, jede Location im Ruhrgebiet steht für dessen besonderen schmucklosen Charme. Aber im Schwabenland ist es ähnlich, oder im Sauerland. Aber Mülheim ist eine provinzielle Stadt, und zwar keine richtige ganz kleine Stadt, sondern eine Mittelkleinstadt – und davon gibt es ganz viele in Deutschland. Ich habe bewusst auf Köln, Frankfurt oder Berlin verzichtet, weil mir diese Städte zu überlaufen sind, da gibt es zuviel Tourismus. In Mülheim gibt es, warum auch immer, kaum Tourismus. Das find ich eigentlich ganz gut. Es soll ja nun demnächst Tourismus kommen, es wird in der Stadt ja so eine Art Hafen gebaut, dann erhofft man sich, dass Weltenbummler und Weltumsegler hier vor Anker gehen, um dann in der Stadtsparkasse Geld zu ziehen. So sind die Städte ja mittlerweile aufgebaut – man geht ja nur noch dorthin, um Geld zu ziehen. Das haben wir ganz gut gezeigt in unserem Film. Die Zeit, in der er spielt, die gibt es allerdings eigentlich nicht – nicht mehr, oder noch nicht, das weiß man nicht so genau. Das kann eigentlich überall und zu jeder Zeit sein. Der Ort, in dem der Film spielen soll, Rillieux-la-Pape Principal, gibt es wirklich, das ist ein Vorort von Lyon in Frankreich, aber das weiß ja keiner. Die Polizisten, die in dem Film vorkommen, sehen unglaublich echt aus, aber die sind wohl aus irgendeinem Comic entsprungen, aus einem Polizeistaat, wo kleinste Verbrechen unverhältnismäßig hoch geahndet werden, z.B. lebenslänglich für Popo-Packen. Der Sittenstrolch kommt hinter Gitter und bekommt noch nicht einmal einen Tauchsieder zum Teekochen.

Haben sich die Drehabläufe seit dem Tod von Andreas Kunze irgendwie verändert?
Ja, es sind zwar viele, mit denen ich Filme gedreht habe, schon gegangen. Aber Andreas war eigentlich noch viel zu jung. Und ich denke schon, dass er in dem Film eine tragende Rolle bekommen hätte, wenn er noch gelebt hätte. Aber so ist das Leben nun mal. Wir, die wir weiterleben, machen dann immer andere Sachen. Und ich muss sagen, dass es mir unheimlich Spaß machte, diesen Film zu machen. Ich habe eigentlich sehr lange keinen Film mehr machen wollen, aber nun hatte ich mal wieder richtig Lust darauf, und es hat mir auch sehr viel Spaß gemacht.

Was für einen Fall löst denn Kommissar 00 Schneider?
Sitte und Anstand ist sein Department, und natürlich darüber hinausgehend: Zigarettendiebstahl. Der Fall ist im Film Mittel zum Zweck, und zwar, um Leute zum Lachen zu bringen. Das ist anders als bei anderen Krimis zum Beispiel. Ich rege mich immer mehr darüber auf und mache den Fernseher gar nicht mehr an. Es soll dort alles so realistisch aussehen. Da wird eine Leiche aus dem Wasser gezogen und dann sollen zwei kleine Kinder weggucken, weil die Leiche so fürchterlich aussieht, das wird dann gezeigt von der Kamera. Dieser Special Effect ist vom Maskenbildner ganz toll eingerichtet. Oder in einer anderen Szene hält jemand einem anderen eine Pistole in den Mund, solche Sachen müssen meiner Meinung nach gar nicht sein. Man kann auch Filme drehen, die die Fantasie anspornen, die einem zum Lachen oder zum Weinen bringen.

Hatten Sie Vorbilder für 00 Schneider?
Auf jeden Fall: Eddie Constantine! Aber nur vom Plakat her. Aber auch viele andere Kriminalkommissare wie Sherlock Holmes, Kojak, dann Nero Wolfe, Privatdetektiv. Columbo, Derrick – was weiß ich. Aber eigentlich ist 00 Schneider ein Naturtalent, das keine Vorbilder braucht. Kommissar Roy Schneider, der nicht gerne 00 genannt wird, weil ihn das an ein Klo erinnert, schreibt nun auch an seinen Memoiren, aus denen ich den ersten Satz mal auswendig aus dem Gedächtnis vorlesen kann: ‚Ich bin nicht als Kommissar geboren – Komma – ich musste diesen Beruf erst erlernen – Punkt’. Kommissar wird man aber nicht auf der Polizeischule, Kommissar wird man, wenn man Kommissar sein will und es ist. Der Kriminalkommissar in einem Film muss nicht zur Polizeischule gehen, denn es ist ja ein Film. Er war vielleicht ein Schauspieler und ist dann Kriminalkommissar geworden, und wird nachher in der Welt als Kriminalkommissar gesehen – wie zum Beispiel Horst Tappert. Wenn man Derrick in einer anderen Rolle gesehen hat – das ging doch nicht!

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Rocko Schamoni?
Rocko und ich kennen uns seit fast 25 Jahren, ungefähr seit 1989. Rocko hatte mir damals ein Briefchen geschrieben, dass ihm meine erste Schallplatte, die ich 1983 gemacht hatte, sehr gefiel. Die hieß damals „Meine größten Erfolge“, die hatte aber vorher noch nie jemand gehört! Rocko hatte sich die Platte angehört und mir darauf geschrieben und mich gefragt, ob ich nicht mal nach Hamburg kommen könne. Da hab ich spontan bei ihm angerufen und ihm gesagt, dass ich jetzt nach Hamburg komme. Abends habe ich dann bei Freunden von Rocko zu Hause im Hamburg ein Konzert gegeben, mit meinem Kassettenrecorder als Halbplayback. Ich habe Sachen gesungen wie „Texas“ oder „Telefonmann“ oder „Hunderttausend Rosen schick ich Dir“. „Katzeklo“ gab es damals noch nicht, das ist ja erst später von mir erfunden worden. Seitdem kenne ich Rocko, und wir sind gute Freunde. Seitdem treffen wir uns immer mal wieder, manchmal kommt er nach Mülheim, oder ich fahre nach Hamburg. Oder wir treffen uns woanders, in Kiel oder Hückeswagen. Ich habe für Rocko eine gute Rolle gefunden in dem Film, alle Darsteller sind eigentlich mit langer Hand gut ausgesucht.

Wie entscheiden Sie denn, was eher ein Filmdrehbuch oder eher ein Roman wird?
Ich entscheide direkt am Anfang, ob ich einen Film drehen oder einen Roman schreiben will. Wenn ich ein Buch schreibe, dann habe ich nicht die Schere im Kopf, denn wenn man ein Filmdrehbuch schreibt, dann muss man schon so schreiben, dass das Ganze auch filmisch umsetzbar ist. Ich hatte mal ein Drehbuch geschrieben, für das ich sogar eine Förderung erhalten hatte, zu dem ich den Film dann aber nicht drehen durfte. Heute weiß ich auch warum. Denn der Film fing mit einer spektakulären Szene an. Auf der Autobahn entstand ein Ölfleck, aus dem ein Mensch entstand. Dieser Mensch geht dann durch die Autos durch (lacht), verkriecht sich so in der Seite, und Hubschrauber suchen ihn. Das Drehbuch hieß „Der Gummimann“. Das war eigentlich nicht schlecht. Für eine Pariser-Firma sollte der dann Reklame laufen. Dazu gehörte eine Szene mit zwei weiß angemalten Elefanten, die sollten den auseinander ziehen. Ein Arm links, ein Arm rechts, damit man sieht, wie elastisch der Mensch ist – so zwanzig Meter aus Gummi, und dann schnappen lassen. Das sind natürlich Sachen, die man im Film echt schwer umsetzen kann. Da bin ich dann extra nach Hamburg gefahren, um Filmförderung zu erhalten – ich wollte da so Hunderttausend Mark – und da sagte der sofort: ‚Allein die erste Szene kostet so ungefähr 30 Millionen Dollar.’ Man hätte die Autobahn absperren müssen für den großen Crash, bei dem mehr als einhundert Autos ineinander rasen. Die Idee ist nicht schlecht, ich hänge da immer noch irgendwie dran. Vielleicht mache ich das mal. Aber dazu müsste ich erstmal steinreich werden, und da habe ich keine Lust zu. Denn ich weiß, was es bedeutet, sehr sehr viel Geld zu haben.

Frank Brenner

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