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Hat Probleme mit Vergangenheit und Gegenwart: Lars Eidinger in „Die Blumen von gestern“
Foto: Presse

„Ich habe das Privileg, tolle Rollen zu bekommen“

22. Dezember 2016

Lars Eidinger über „Die Blumen von gestern“, Vergangenheitsbewältigung und Konsum – Roter Teppich 01/17

Mit Maren Ades Festivalhit „Alle anderen“ wurde der zuvor in erster Linie als Theaterschauspieler beschäftigte Lars Eidinger (Jahrgang 1976) schlagartig bekannt. Innerhalb kürzester Zeit machte er sich durch Rollen in Filmen wie „Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“, „Hell“, „Fenster zum Sommer“ oder „Was bleibt“ im nationalen Arthouse-Kino einen Namen. Mittlerweile dreht er auch international Filme wie „Die Wolken von Sils Maria“ oder „Sworn Virgin“. Im Januar laufen gleich zwei neue Filme mit Eidinger in der Hauptrolle an: Chris Kraus‘ Tragikomödie „Die Blumen von gestern“ (Start: 12. Januar) und Olivier Assayas‘ Mysterydrama „Personal Shopper“ (Start: 19. Januar).

choices: Herr Eidinger, im Januar starten zwei Filme, die wieder sehr ungewöhnlich und sehenswert sind. Ihre Rollenauswahl finde ich nun schon seit Jahren sehr beeindruckend...

Lars Eidinger: Eine richtige Auswahl in dem Sinne hat man eigentlich gar nicht. Man kann eher von Glück reden, wenn man das Privileg hat, so viele tolle und auch unterschiedliche Rollen angeboten zu bekommen. Viele Schauspieler würden sich das wünschen, die meisten müssen das nehmen, was kommt. Nicht jeder Schauspieler hat massenhaft Drehbücher zu Hause und kann sich dann entscheiden. Ich glaube, dass die Tatsache, dass ich mit einem Film wie „Alle anderen“ prominent geworden bin, ein gewisses Niveau vorgegeben hat. Unter dem Kriterium werden mir neue Drehbücher angeboten, da ist erstaunlich wenig darunter, mit dem ich so überhaupt nichts anfangen kann. In der Hinsicht bin ich sehr verwöhnt.

Vermissen Sie denn etwas, würden Sie denn gerne auch weniger intellektuelle Stoffe angeboten bekommen?

Nein, ich bin eher froh darüber, dass man mich in so vielen unterschiedlichen Rollen sieht. Das hängt auch von der Fantasie der Redakteure und Produzenten ab, die Besetzungsentscheidungen mit tragen. Ich habe das Gefühl, dass mir da das Theater viel weiterhilft, denn wenn mich die Leute auf einer Bühne sehen, sieht man das ganze Potenzial, zu dem ein Schauspieler in der Lage ist. Dadurch habe ich wirklich schon alles spielen dürfen, vom Psychopathen über den Familienvater bis hin zum Dichter oder Grundschullehrer.

Und in „Die Blumen von gestern“ spielen Sie nun einen Holocaustforscher...

Es ist ja schon allgemein bekannt, dass die Rolle eigentlich für Josef Hader geschrieben worden war, der sie an der Seite von Eva Green hätte spielen sollen. Aus der Not heraus, weil es zur Umbesetzung kam, hat Chris Kraus mit mir Kontakt aufgenommen. Ich war damals gerade mit Proben zu „Richard III.“ an der Schaubühne in Berlin beschäftigt und habe mich aus Zeitmangel direkt mit ihm getroffen, ohne das Drehbuch zum Film gelesen zu haben. Schon nach der ersten Begegnung hatte ich das Gefühl, den Film machen zu wollen, allein wegen Chris Kraus und wegen des Themas.

Hat denn dann das Drehbuch Ihre Art des Humors getroffen oder sind sie da eher milde als sarkastisch eingestellt?

Das war für mich gar nicht das Kriterium, denn beim Lesen des Buches hat mich eher die Emotionalität berührt. Den Humor habe ich dabei fast überlesen. Es ist natürlich eine entscheidende Frage, ob man dem Thema Holocaust mit Humor begegnen darf. Ich stehe dem auch kritisch gegenüber, ich habe mich immer schwer getan mit vordergründigen Parodien von Adolf Hitler oder platten und oberflächlichen Witzen über das Thema. Es gibt schon Grenzen, über was man sich lustig machen kann.

Der Film macht sich ja auch nicht über den Holocaust lustig, sondern über bestimmte Formen der Vergangenheitsbewältigung...

Genau, das ist absolut der entscheidende Punkt! Außerdem lässt der Film eine Widersprüchlichkeit zu: Man ist bei meiner Figur des Toto hin- und hergerissen, denn es fällt einem schwer, mit ihm zu sympathisieren oder ihn zu verstehen, auf der anderen Seite gibt es Punkte in seinem Verhalten, die man als Zuschauer sehr gut nachvollziehen kann. In diesen Szenen ist es so inszeniert, dass es einen gewissen Humor nicht entbehrt, und ich finde das sehr nachvollziehbar, dass man über diese eigene Verbissenheit bei diesem Thema lachen kann. Deswegen finde ich den Film so gelungen, weil er sich dem Thema Holocaust in all seiner Komplexität stellt. Das beinhaltet eben auch Humor.

Sie haben sich selbst, genau wie Ihre Figur Toto, als Misanthropen bezeichnet. Ist es schwieriger, eine Rolle zu spielen, die Ihrer eigenen Persönlichkeit näher ist als andere?

Ja, genau so ist es, auch wenn es paradox klingt. Alles, was man für sich begreift und reflektiert, kann man über den Abstand leichter analysieren, um es als Schauspieler überhaupt darstellen zu können. Ich habe immer das Gefühl, dass ich Sachen gut spielen kann, die wenig mit mir zu tun haben und die mir erstmal fremd sind, auf die ich draufgucken kann. Sachen, die mir selbst nahe sind, habe ich dann vielleicht auch für mich selbst noch nicht reflektiert, weswegen ich dann auch noch keinen richtigen Zugang zu ihnen habe. Für den Film finde ich es auch bezeichnend, dass man in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust aus heutiger Sicht den Protagonisten zu einem Misanthropen macht. Auf einer symbolischen Ebene bedeutet das, dass wir es mit einer Generation von Menschenfeinden zu tun haben, die sich selbst hassen und die die Menschen hassen, und dass es an der Zeit ist, dass man einen Weg findet, um sich davon wieder zu befreien.

„Personal Shopper“ spielt in einer High-Society-Welt, die mit Ihrer eigenen vermutlich relativ wenig zu tun hat...

Ja, warum? Meine Interpretation des Films ist die, dass es um eine Frau geht, die auf der Suche nach sich selbst ist. Es geht um Identitäten, und dass sich Maureen (gespielt von Kristen Stewart; die Red.) über einen gewissen Zeitraum in eine andere Identität hineinträumt. Das hat gar nicht so viel mit dieser Celebrity-Welt zu tun, sondern mit der Tatsache, dass man sich in dieser Welt auch leicht in seinen Sehnsüchten und Träumen verlieren kann. Zufriedenheit und Glück werden einem in Hochglanzmagazinen über den Konsum versprochen, bleiben aber unbefriedigt, wenn man sich die entsprechende Crème oder das entsprechende Kleid tatsächlich kauft. Am Ende des Films findet sich die Protagonistin in der Ödnis wieder, in einer einfachen Lehmhütte, in der sie sich dann selbst begegnet. Damit habe ich schon viel zu tun! Das bedeutet nicht, dass mein Leben besonders glamourös ist, aber dass ich nachvollziehen kann, dass man sich in unserer heutigen konsumorientierten Welt verlieren und unglücklich werden kann.

Moderne Kommunikationsgepflogenheiten spielen im Film auch eine zentrale Rolle...

Man könnte zunächst meinen, der Einsatz von Handys im Film bediene eine gewisse Oberflächlichkeit, aber man muss sich nur einmal in die öffentlichen Verkehrsmittel setzen, um zu sehen, welchen unglaublichen Stellenwert Smartphones in unserem Leben mittlerweile eingenommen haben. Ich finde es bemerkenswert, wie Olivier Assayas es schafft, über solch eine lange Strecke eine Form von dramatischer Spannung über Textnachrichten auf dem Handydisplay aufzubauen.

Interview: Frank Brenner

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