„Mittlerweile empfindet er seit Monaten nur noch traurige Wut. Einen unbeschreiblichen Zorn.“ Die Gefühlslage des Kriminalkommandanten Jourdan, der seinen Dienst in Bordeaux versieht, ist uns wohlbekannt. Immer häufiger flackern die Feuer des Zorns in unserer Gesellschaft auf. Die Ohnmacht über einer Lebenssituation, in der sich wenig verändern lässt, wirkt erdrückend. Jourdan steht sozusagen an der Front. Die Gewalt spielt in Hervé Le Corres Roman „Durch die dunkelste Nacht“ eine zentrale Rolle. Eine Gewalt vor allem gegen Frauen, wenn auch nicht immer als Opfer. Mitunter werden sie zu Täterinnen, wo sich die Gewalt gegen Kinder richtet.
Dunkel ist die Welt in diesem Roman nicht nur bei Nacht, auch am Tag lauern Unheil und Brutalität in den Vorstädten. So lebt Louise, alleinerziehende Mutter eines achtjährigen Jungen, in steter Furcht vor dem Erscheinen ihres ehemaligen Lebensgefährten, der stets einen Grund findet, auf sie einzuschlagen. Währenddessen gleitet ein Serienmörder unauffällig durch den sozialen Alltag der Stadt, in der ihm der Zufall seine weiblichen Opfer zuspielt. Aus den unterschiedlichen Perspektiven dieser drei Personen blickt man auf Bordeaux, dessen Szenerie zu einem universellen Dschungel zeitgenössischer Urbanität wird.
Dass Hervé Le Corre in Frankreich reichlich mit Literaturpreisen bedacht wird, wundert nicht. Die drei Leben erzählen sich wie ein Film, der in unterschiedlichen Rhythmen gedreht wurde. Gemeinsam ist ihnen die vernutzte, gleichgültige Stadtlandschaft, in der alles eine Schäbigkeit annimmt. Nicht zuletzt die Sexualität wird zu einer Währung, die allein dem Prinzip der Macht folgt. Die vorsichtigen Annäherungen zwischen Jourdan und Louise nach einem der üblichen Ausraster ihres Ex nehmen sich da wie ein zartes Pflänzchen der Hoffnung aus. Da die knackige Handlungsführung Hervé Le Corre doch ziemlich in Anspruch nimmt, kommen die leiseren Töne etwas zu kurz. Feinstrick ist nicht seine Sache, dafür treibt er die Ereignisse aber zügig voran. Und das Finale kommt so überraschend daher, dass man es gleich nochmal nachschlägt. Gleichwohl besitzt dieser Roman etwas von der ungestümen Faszination eines prasselnden nächtlichen Regens.
Hervé Le Corre: Durch die dunkelste Nacht | A. d. Franz. v. Anne Thomas | Suhrkamp Verlag | 340 S. | 17 €
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Von Generation zu Generation
Miriam Carbe im Literaturhaus Köln
Romeo und Julia als Aliens
Theaterlesung am Comedia Köln
Schmerzhafter Kinderwunsch
Eva Hegge liest im King Georg
Winzer, Hexen, Kommunisten
Bücherfest im Bürgerhaus Stollwerck
Mysteriöse Tonbänder
Norbert Scheuer liest in Bonn
Verglimmende Hoffnung
„Zündhölzer“ von Yevgenia Belorusets – Literatur 08/26
Das Unaussprechliche des Familienlebens
„Vertraute Gespenster“ von Anna Ruchat – Textwelten 08/26
Dem Tod abgerungen
„Eddos goldenes Lächeln“ von Stella Gaitano – Literatur 07/26
Auf sich gestellt
„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo – Literatur 07/26
Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26
Zwischen Erinnerung und Widerspruch
Lesestunde zu Christa Wolf im Buchladen Sülzburgstraße – Literatur 06/26
Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26
Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26
Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26
Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26
Glühender Zorn
„Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof – Textwelten 07/26
Schule mit Herz und Humor
„Shrimpie und ich“ von Moni Port und Claudia Weikert – Vorlesung 06/26