Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24

12.419 Beiträge zu
3.696 Filmen im Forum

Foto: Presse

Ludwigslust an der Liebe

20. Januar 2020

Die Kerzen im Subway – Musik 01/20

In den sozialen Medien fegt der eine Shitstorm den anderen hinweg. Die Gesellschaft vergräbt sich in immer neue Fronstellungen. Und obendrein ist grade alles auch noch so furchtbar nass und kalt und dunkel. Um nicht völlig der Depression anheimzufallen, kommt in dieser verzagten Jahreszeit eine Band wie Die Kerzen gerade recht. Das Quartett um Sänger und Gitarrist Felix Keiler kommt aus dem 12000-Einwohner-Kaff Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern, ist also schon größeren Unwägbarkeiten Herr geworden, als ein bisschen Hass und ein paar Minusgrade. Doch auch in Berlin, wo die Band mittlerweile wohnt, wiegt der Winter schwer.

Auf ihrem Album „True Love“ ist davon allerdings nichts zu spüren. Warme Synthesizer (Jelena von Eisenhart Rothe) fahren da mit groovigen Bässen (Fabian Rose) und feingefedertem Schlagzeug (Lucas Wojatschke) mit viel Gespür für Timing und Maß gen Pop-Sonnenuntergang. Die Kerzen – eine musikgewordene Vitamin D Kur gegen Hass und Winterblues. Auf Songs wie „True Love“ und „Saigon“ besingt Felix Keiler beschwingt die Freude am Aufbruch aus der Provinz in die Großstadt und den Zauber eines Flirts im Berghain, der in Südostasien seine Erfüllung findet. Aus jedem Takt trieft dabei der Einfluss der New Romantics, also Bands wie Duran Duran und Spandau Ballett. Auf dem Siedepunkt der maskulinen Rebellionsgesten und der brachialen Tonalität des Punk wiedersetzten sie sich mit neuer Zärtlichkeit und großem Pathos. Kitsch statt Krieg, Melodie und Witz statt Härte und Verstocktheit.

Dass diese unbedarfte Lebensfröhlichkeit auch heute noch durch die kalte Jahreszeit hilft, das wollen Die Kerzen im Januar auch in Köln unter Beweis stellen. Mit ihrer ironisch gebrochenen Retro-Liebe befinden sie sich sowieso auf der richtigen Seite der Popwelt, wo sich in den letzten Jahren Bands wie International Music, Klaus Johann Grobe oder Tame Impala einen Namen machten. Der Blick zurück liegt schwer im Trend. Und so heißt der große Hit der Platte nicht umsonst „Al Pacino“. Dieser lässt in „The Irishman“ gerade ein letztes Mal längst vergangene Epochen aufleben. Für nicht wenige ist es der Film des Jahres.

Die Kerzen – Tour d'Amour | Do 23.1. 19.30 Uhr | Club Subway

FLORIAN HOLLER

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Lesen Sie dazu auch:

„Klang in all seinen Facetten“
Mouse on Mars: Jan St. Werner über die Anfänge in Köln – Popkultur 11/20

Die ewige Discokugel
Das MTC harrt aus – Corona bedroht Clubszene – Musik 08/20

Hunger nach Musik
Coma bei Summer Stage Cologne – Konzert 08/20

All die Frauen und Prince
Zwei Musikbücher widmen sich Sex, Körper und Gender im Rock ‚n‘ Roll – Popkultur 06/20

„Es ist eine unglaublich schwierige Zeit“
Singer-Songwriter Florian Franke über seine Musik und Corona – Interview 05/20

„Das Tor zur Welt“
Voigt & Voigt veröffentlichen ein Technoalbum über die Mülheimer Brücke – Popkultur 05/20

„Wertschätzung signalisieren“
Jens Ponke über den Erfolg des Cologne Culture Stream – Interview 05/20

Musik.

Hier erscheint die Aufforderung!