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Claire Keegan
Foto (Ausschnitt): Murdo McLeod

Wie bedroht ist die Liebe?

03. Juni 2024

„Reichlich spät“ von Claire Keegan – Textwelten 06/24

Das Wetter ist genau wie vorhergesagt, die Sonne scheint, Vögel durchziehen den Himmel und Kinder spielen zwischen den Blumenbeeten. Mit dem Gewöhnlichsten an einem gewöhnlichen Sommertag in Dublin beginnt Claire Keegans Erzählung „Reichlich spät“. Eigentlich langweilig, es geschieht nichts, und das bleibt noch eine Weile so. Bei seinem Blick aus dem Bürofenster denkt Cathal, Protagonist der Geschichte: „So vieles im Leben verlief reibungslos, ungeachtet des Gewirrs menschlicher Enttäuschungen und des Wissens, dass alles einmal enden muss.“ Man hat Sorgen und die Welt geht trotzdem ungerührt ihren Gang. Aber hier lauert schon die Ahnung, dass etwas Entscheidendes geschehen ist und wir gerade die Resonanz dieses Ereignisses miterleben.

Claire Keegan erzählt uns eine Liebesgeschichte vom Ende her und demonstriert dabei, wie dramatisch der gewöhnliche Alltag eines Paars zwischen einkaufen, kochen und aufräumen sein kann. Gerade gewann die Irin in Hamburg den mit 50 000 Euro dotierten Siegfried-Lenz-Preis für ihr Gesamtwerk. Dazu gehören etwa die Erzählung „Das dritte Licht“ oder der Roman „Kleine Dinge wie diese“, allesamt wuchtige Prosastücke. Keegan erzählt mit einer Frische, die tragischen Momenten jede Sentimentalität nimmt. Sie ist nah am Leben, wie sich auch in „Reichlich spät“ zeigt, diesem kurzen Prosatext, der sich als Einführung in ihr Werk eignet.

Ohne jede aktivistische Attitüde erzählt Claire Keegan von der tiefsitzenden Misogynie der männlichen Welt. Obwohl man sich offiziell auf Augenhöhe befindet, kommt die Verachtung in kleinen, privaten Gesten zum Ausdruck. Cathal und Sabine, eine Französin irischer Herkunft, beschließen zusammenzuziehen, aber in der plötzlichen Nähe erfährt die Beziehung feine Risse. Kauft sie zu teuer ein, stimmt es, dass er ihr nie beim Kochen hilft, hätte der Verlobungsring nicht billiger sein können? Möchte er ihr im Grunde nichts geben? Nichts von allem ist politisch und doch prägen Gesten unser Leben tiefer, als es uns bewusst ist. Indem Claire Keegan Erkenntnis in diesen Mikrobereichen des Alltags aufspürt, schenkt sie ihrer Leserschaft einen geschärften Blick für die Armseligkeit, aber auch für die Schönheit des Lebens.

Claire Keegan: Reichlich spät | A. d. Engl. von Hans-Christian Oeser | Steidl Verlag | 64 S. | 15 Euro

Thomas Linden

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