Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 1 2 3

12.201 Beiträge zu
3.601 Filmen im Forum

Jacqueline: eine Freundin von Anne Frank
Foto: privat

Besuch der besten Freundin

27. Oktober 2016

Wie ein Bürokrat Tausende Leben rettete – Textwelten 11/16

Jacqueline hatte sich schon in der Schule darüber gewundert, dass die Klassen plötzlich mit so vielen deutschen Flüchtlingskindern angefüllt waren. Das kleine, dünne Mädchen mit den glänzenden schwarzen Haaren gehörte auch zu ihnen, obwohl es schon etliche Jahre mit seiner Familie in Amsterdam lebte. Sie war es auch, die nach der Schule den Kontakt zu Jacqueline suchte und mit dem Fahrrad neben ihr her fuhr. „Sie meinte, wir hätten doch den gleichen Schulweg und könnten Freundinnen werden. „Ich heiße Anne“, sagte sie. Mit ihren 87 Jahren erinnert sich Jacqueline van Maarsen noch genau daran – wie sie betont – dass dieses Mädchen ohne Punkt und Komma auf sie einredete, bis sie beide die Haustüre erreicht hatten. Sie konnte nicht ahnen, dass diese erste Begegnung mit Anne Frank auch ihren Lebensweg auf immer beeinflussen würde. Jacqueline van Maarsen wurde Anne Franks beste Freundin, weil Anne es so wollte, wie sie jetzt bei ihrem Besuch in Köln lachend erzählte.

Das Kölner NS-Dokumentationszentrum hatte den Besuch der Niederländerin und ihres Mannes Ruud Sanders angekündigt und das Publikum füllte nicht alleine den Vortragssaal des EL-DE Hauses. Auch ein zweiter Versammlungsraum war bald komplett belegt und dann standen immer noch gut 200 Besucher auf der Straße. „Ich komme aber heute eigentlich wegen Mathias Middelberg“, erklärte Jacqueline van Maarsen entschuldigend. Middelberg ist der Biograf von Hans Calmeyer, ihm hat Jacqueline van Maarsen zu verdanken, dass sie nicht wie ihre Freundin deportiert wurde. Eine Tatsache, von der sie erst vor zwei Jahren erfahren hat, denn Middelberg rekonstruierte, wie der von den Nazis eingesetzte ‚Rassereferent‘ für die Niederlande ein eigenes bürokratisches Regelwerk erfand, mit dem sich die jüdische Herkunft etlicher Familien umdeuten ließ. 1700 Fälle konnte er nicht in diesem Sinne bearbeiten, was für die Betreffenden einem Todesurteil gleichkam. Heute kennt alle Welt Oskar Schindlers „Liste“, wenige wissen jedoch von Hans Calmeyers „Liste“, die mit 3700 Namen dreimal so lang ist, wie die des Unternehmers Schindler.

„Nach dem Kriege wollte niemand von diesen Dingen etwas hören. Als mir Otto Frank von seinem Plan berichtete, Annes Tagebuch zu veröffentlichen, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich dafür jemand interessieren würde“, erzählt van Maarsen. Auch Calmeyer, der 1972 mit 69 Jahren starb, sprach nur mit wenigen Vertrauten über seine traumatischen Erinnerungen. „Er war der Meinung, dass man ihn bei Bekanntwerden im Nachkriegsdeutschland als Verräter und nicht als Helden bezeichnet hätte“, meint Middelberg. Middelbergs Arbeit zeigt exemplarisch, wie mit der Recherche der historischen Verbrechen auch die Leistungen jener Menschen ans Licht kommen, die unspektakultär ihren Mut im Angesicht der Diktatur bewiesen haben. Jaqueline van Maarsen betrachtet ihren Besuch in Deutschland deshalb auch bewusst als Zeichen gegen die Hetze rechter Populisten.

Jacqueline van Maarsen: Deine beste Freundin Anne Frank | Dt. von Mirjam Pressler | KJB | 208 S. | 12,99 €

Mathias Middelberg: Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide? Hans Calmeyer ‚Rassereferent‘ in den Niederlanden 1941-1945 | Wallstein Verlag | 272 S. | 19,90 €

Thomas Linden

Neue Kinofilme

Chaos im Netz

Lesen Sie dazu auch:

Kochbücher mal anders
Vladimir Sorokin mit der Dystopie „Manaraga“ im Literaturhaus – Literatur 01/19

Vier Jahre im Versteck
Erich Hackl zeigt, dass es während der Nazizeit auch anders ging – Textwelten 01/19

Zwischen Höhenflug und Tiefsinn
Die Poetica findet zum 5. Mal statt – das Besondere 01/19

Zeiten des Untergangs
Helene Hegemann mit „Bungalow“ beim Literarischen Salon – Literatur 12/18

Die Stadt hat Zukunft
Richard Sennett beschreibt die Lust an der „offenen Stadt“ – Textwelten 12/18

Talente in Sicht
Lesereihe „Land in Sicht“ im Café Fleur – Literatur 11/18

Zwischen Biomüttern und Nostalgia Porn
Teilnahmslose Komfort-Welten: „Die Hochhausspringerin“ von Julia von Lucadou – Literatur 11/18

Literatur.