Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31 1 2

12.565 Beiträge zu
3.791 Filmen im Forum

Anne Berest
Foto: JF PAGA

Im Brackwasser der Geschichte

02. Oktober 2023

„Die Postkarte“ von Anne Berest – Textwelten 10/23

Der Briefkasten ist kaputt, deshalb lässt der Zusteller die Post auf den Boden fallen. Die Zigarette noch im Mund hebt Lélia sie mit aller denkbaren Gelassenheit auf. Sie findet die Karte nicht besonders bemerkenswert, ganz im Gegensatz zu ihrer Tochter Anne Berest, für die sie 2003 zum Pfeil aus der Vergangenheit wird, der sie mitten ins Herz trifft. Der Text besteht nur aus vier Namen, bei denen es sich um jene Verwandten handelt, die in Auschwitz ermordet wurden. Anne Berest beginnt zu recherchieren, von wem könnte die Karte abgeschickt worden sein?

Wer im Brackwasser der Geschichte rührt, fördert überraschende Tatsachen an den Tag. Anne Berest folgt den Spuren ihrer jüdischen Familie, die von Russland ins Baltikum und von dort nach Frankreich übersiedelte. Kaum hatte man irgendwo Wurzeln geschlagen, drängte der Antisemitismus die Vorfahren weiter in den Westen. Aber auch in der Gegenwart hört sie von ihrer Tochter den Satz „In der Schule mögen sie Juden nicht besonders.“ Die 1979 geborene Anne Berest kommt aus der Pariser Theaterwelt, sie weiß, wie Dramaturgie und anschauliches Erzählen funktionieren. Vor unseren Augen entfaltet sie einen satten Familienroman in bester französischer Tradition und unterlegt ihm klug die kriminalistische Recherche, bei der ihr ein Graphologe und ein Detektiv zur Seite stehen. Mitunter weiß sie ein bisschen zu viel und zu genau, was ihre Figuren denken und fühlen. Dennoch hält Berest die Schicksalsfäden ihres umfangreichen Personals straff in Händen. Man will stets wissen, wie sich diese autofiktionale Geschichte fortsetzt, und – so viel sei verraten – sie findet letztlich auch in ein schlüssiges Finale.

Zur zentralen Gestalt wird ihre Großmutter Myriam, die als Einzige dem Auschwitz-Transport entgehen konnte und Verbindung zur Resistance aufnahm. Damit rührt Berest an das in Frankreich verdrängte Kapitel der Kollaboration und zugleich enthüllt sich ein privates Geheimnis um eine Dreiecksbeziehung der Großmutter. Seine erzählerische Kraft bezieht der Roman aus seiner emphatischen Klarheit, die Licht in historische Zusammenhänge bringt, deren Folgen bis in unsere unmittelbare Gegenwart reichen.

Anne Berest: Die Postkarte | Deutsch von Amelie Thoma und Michaela Meßner | Berlin Verlag | 560 S. | 28 Euro

Thomas Linden

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Furiosa: A Mad Max Saga

Lesen Sie dazu auch:

Gärtnern leicht gemacht
„Bei mir blüht’s!“ von Livi Gosling – Vorlesung 05/24

Abenteuerferien an der Ostsee
„Am schönsten ist es in Sommerby“ von Kirsten Boie – Vorlesung 05/24

Stabilisieren des inneren Systems
Volker Buschs Ratgeber zur mentalen Gesundheit – Literatur 05/24

Stadt der Gewalt
„Durch die dunkelste Nacht“ von Hervé Le Corre – Textwelten 05/24

Grenzen überwinden
„Frieda, Nikki und die Grenzkuh“ von Uticha Marmon – Vorlesung 04/24

Zwangloses Genießen?
Vortrag „Die post-ödipale Gesellschaft“ im Raum für Alle – Spezial 04/24

Erwachsen werden
„Paare: Eine Liebesgeschichte“ von Maggie Millner – Textwelten 04/24

Wortspielspaß und Sprachsensibilität
Rebecca Guggers und Simon Röthlisbergers „Der Wortschatz“ – Vorlesung 03/24

Lebensfreunde wiederfinden
„Ich mach dich froh!“ von Corrinne Averiss und Isabelle Follath – Vorlesung 03/24

Das alles ist uns ganz nah
„Spur und Abweg“ von Kurt Tallert – Textwelten 03/24

Wut ist gut
„Warum ich Feministin bin“ von Chimamanda Ngozi Adichie – Vorlesung 03/24

Unschuldig bis zum Beweis der Schuld
„Der war’s“ von Juli Zeh und Elisa Hoven – Vorlesung 02/24

Literatur.

Hier erscheint die Aufforderung!