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Sehr viele Menschen haben Erfahrungen mit Panikattacken
Foto: terovesalainen / Adobe Stock

Angst über Generationen

26. März 2024

Teil 1: Leitartikel – Wie Weltgeschehen und Alltag unsere Sorgen prägen

„Gibt’s nochmal Krieg? Kommt der Russe wieder?“ Diese Fragen stellte mir meine Oma, 1905 geboren, bei jedem Besuch. Zwei Weltkriege hatte sie erlebt und Zeit ihres Lebens Angst davor, es könnte wieder einer kommen – was ich in meiner jugendlichen Naivität für ausgeschlossen hielt. Was sollte passieren? Sangen die Menschen nicht Friedenslieder, gingen auf „Atomkraft? Nein Danke“-Demos? Wurde nicht eine Politik der Entente vorangetrieben, mit Glasnost und Perestroika? Gebombt und getötet wurde irgendwo immer. Aber im demokratischen Europa brauchte man keine Angst zu haben. Meine Oma starb 2004. 60 Jahre gut gegangen. Angst vor Krieg habe nun ich. Neben anderen Ängsten, die, wie mir scheint, von Jahr zu Jahr zunehmen.

Zwischen Kinderbett und Beruf

Unseren Kindern bringen wir bei, keine Angst zu haben, um sie später mit Ängsten und Sorgen aller Art zu belasten. Es wohnt kein Monster unter deinem Bett, beruhigen wir den Dreijährigen. Du schaffst es allein die Rutsche runter, ermutigen wir ihn. Um ihm später Angst vor der Zukunft zu machen: Wenn du dein Abi nicht machst, keine Berufsausbildung absolvierst, das Studium vergeigst, dann ...

Angst ist ein intensives Grundgefühl, eine natürliche Reaktion auf potenzielle Bedrohungen. Sie hat zum Überleben der Menschheit beigetragen. Es machte Sinn, beim Anblick des Säbelzahntigers in Panik zu geraten, bis man Methoden fand, sich gegen ihn zu verteidigen. Angst hält uns davon ab, Dummheiten zu begehen. Gleichzeitig beflügelt sie Erfindungen. Es ist also vernünftig, Angst zu haben. Doch manchmal lassen wir uns von ihr unvernünftig gängeln. Als ich vor vielen Jahren durch eine Sender-Umstrukturierung meine Stelle als Redakteurin verlor, geriet ich in Panik. Ich sah mich mit Kind, Hab und Gut unter einer Düsseldorfer Brücke hausen, weil ich die Raten für meine Wohnung nicht mehr aufbringen, die Bank sich die Wohnung nehmen, und ich als Schwarze, Alleinerziehende, Arbeitslose niemals eine passende Wohnung finden würde. Obwohl meine Angst unbegründet war, war sie real.

Auch andere Ängste hatten mich im Griff. Mein Sohn schmiss zwei Monate vor dem Abi die Schule. Bei mir Alarmglocken. Was wird aus ihm ohne Studium? Dann zog er auch noch nach Berlin! Völlige Panik brach aus, aber nicht bei ihm. Es ist okay, als Mutter Angst zu haben, aber was für eine unbegründete Angst, mal wieder. Ich weiß doch, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen muss. Bisher geht es ihm gut.

Therapieplätze und politische Bildung

Wie der weise Jedi-Meister Yoda wusste: Angst ist der Weg zur Dunklen Seite. Auf diese dunkle Seite geraten immer mehr Menschen. Laut IKK-Studie (2023) haben Angststörungen zwischen 2013 und 2022 um 37,5 Prozent zugenommen. Krisen wie Krieg und Klimawandel haben Einfluss auf die psychische Gesundheit und können tiefe Ängste auslösen. Solche Ängste benötigen professionelle Hilfe, doch diese zu finden ist oft schwer. Es fehlen Therapeuten – fünf Monate müssen Betroffene im Schnitt auf einen Therapieplatz warten. Es gibt heute aber zum Glück auch digitale Hilfe, z.B. Apps für die Behandlung von Depressionen, wie die My7Steps-App, die es auf Kassenrezept gibt. 

Wovor haben die Menschen in Deutschland die größte Angst? Laut der jüngsten Angst-Umfrage ist es die vor steigenden Lebenshaltungskosten (65 Prozent), auch vor einer Überforderung des Staats durch Geflüchtete (56 Prozent) – und das in einem der reichsten Länder der Welt. Durch mehr Demokratiebildung wären diese Ängste sicherlich behandelbar. ‚Nur‘ 43 Prozent nannten übrigens die Angst vor einem Krieg. (Statista 2024).

Tina Adomako

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