Die Literatur kennt nur zwei Themen und vielleicht sind die beiden sogar nur zwei Seiten eines Phänomens: Die Liebe und der Tod. Über beide scheint alles gesagt und doch kommen wir nie mit ihnen an ein Ende, weil beide so unbegreifbar sind, dass wir uns eine ganze Lebenszeit an ihnen abarbeiten müssen. Lässt sich etwas über die Liebe sagen, das nicht neunmalklug oder kitschig wirkt? Doch, das ist möglich, Thomas Hettche beweist es in seinem neuen Roman, der schon in seinem schlackenlosen Titel „Liebe“ demonstriert, dass hier jemand weiß, wovon er spricht.
Der Roman erzählt von Max, der als Okularist künstliche Augen aus Glas herstellt. Bei einem abendlichen Fest begegnet er Anna. In der Dunkelheit kann er sie jedoch nicht sehen, allein ihre beiden Stimmen verhaken sich ineinander. Eine schöne Metapher, denn die Liebe ist blind, sieht deshalb aber umso mehr. Anna ist verheiratet, Max lebt alleine, hat aber zwei halbwüchsige Kinder von zwei Frauen, mit denen er sich auch nach der Trennung noch gut versteht. Mit Anfang sechzig glaubt Max in der Liebe keine Überraschungen mehr zu erleben. Er täuscht sich. Mit Anna erfährt er eine Übereinstimmung, die schwindelig macht. Beide haben jedoch einen Lebensweg hinter sich, der Realitäten schafft. Anna ist für eine Trennung von ihrem Ehemann noch nicht bereit und dann begeht Max eine Dummheit.
Fein bettet Thomas Hettche die Geschichte von Max und Anna in einen zeitlichen Rahmen, der etwa die letzten zehn Jahre umfasst. Wetter und Jahreszeiten bilden mit zartem Strich eine atmosphärisch dichte Kulisse. Im Zentrum steht jedoch das Wunder der Liebe. Zwar kann man Wunder weder erklären noch verstehen, aber man kann sie beschreiben. Hettche findet einen Weg, indem er sich aufrichtig den Gefühlen von Glück und Schmerz stellt. Kein Wort ist in diesem schmalen Roman an Dekoration oder Beschwörung verschenkt, seine Intensität nimmt eher gegen Ende noch zu. Es gelingt Thomas Hettche, das Nachdenken über die Liebe mit seiner Geschichte perfekt zu verschmelzen. So befindet man sich beständig in Erwartung des Kommenden und wird belohnt mit Sätzen wie „… und sie liebten sich so, wie man bei großem Durst ein Glas Wasser hinunterstürzt.“
Thomas Hettche: Liebe | Verlag Kiepenheuer & Witsch | 168 S. | 22 Euro
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