Visionen eines Kindes, das sich direkt an Lesende wendet, und ein Haus, das ausnahmsweise von den privaten Träumen seiner Mieter berichtet: Slobodan Šnajders neuer Roman nimmt ungewöhnliche Perspektiven ein, um von gesellschaftlichen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts in und um Zagreb zu erzählen. Die Lektüre erfordert Muße, leichte Kost ist das Buch in vielerlei Hinsicht nicht. Zahlreiche Verweise und Anspielungen sind trotz einiger hilfreicher Anmerkungen der Übersetzer:innen nicht immer leicht zu durchschauen.
Es sind die 1940er im besetzten Zagreb: Fast schon gleichmütig nimmt ein Mietshaus neue Bewohner zur Kenntnis, sinniert über die Aussagen, die sie innerhalb seiner Wände treffen, und folgt erzählerisch ihren Spuren. Anhand der Zufälligkeit einer Hausgemeinschaft, in der jeder eigenen Zielen und Vorstellungen anhängt, nimmt das Haus Klassenunterschiede und Glaubensdifferenzen in den Blick. Es stellt irgendwann fest, es sei nun ohne eigenes Zutun „judenfrei“. Und: „Einige meiner Mieter sagen, dass die Serben oder die Juden, ich weiß nicht genau, wer, an allem schuld seien, und was sie mit ‚allem‘ meinen, ist mir auch nicht klar.“ Diese beobachtende Instanz ist eine interessante Perspektive, um zu zeigen, was die Okkupation 1941, die Befreiung 1945 und später der Zerfall Jugoslawiens 1991 für einzelne bedeuteten – und welche Parallelen es im gesellschaftlichen Miteinander gab: „Die Rücksicht geht verloren. Das ist das Erste, was verloren geht.“
Als immobile Erzählstimme kann das Haus nicht alles wissen, was sich jenseits seiner Mauern abspielt. Szenenwechsel erfolgen mitunter abrupt und im Laufe der Erzählung wird zunehmend das Dienstmädchen Anđa zur Hauptfigur, die sich den Partisanen anschließt und so dem Haus den Rücken kehrt. Sie bewegt sich nun jenseits der Stadt, der Erzählraum erweitert sich dadurch, während gleichsam die Nähe zu dieser Figur größer wird. Der Autor erzählt ihr Ringen mit den gewaltvollen Zeiten und konfliktträchtigen Beziehungen, mit dem Unrecht, das sie erfährt, mit den Entscheidungen, die sie trifft. In der Stadt haben über das Haus als Erzählstimme weiterhin die Wände Ohren, während politische Morde, Inhaftierungen und Verschleppungen an der Tagesordnung sind.
Slobodan Šnajder: Engel des Verschwindens | A. d. Kroat. v. Matthias Jacob, Rebekka Zeinzinger | Zsolnay | 496 S. | 28 Euro
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