In Häusern spielt sich unser Leben ab, und das mitunter auf schicksalhafte Weise. Der Autor Thomas Harding und die Illustratorin Britta Teckentrup haben die Ereignisse geschichtsträchtiger Häuser in London oder Amsterdam in stilvollen Bilderbüchern erzählt. Dazu gehörte etwa das Grachtenhaus, in dem sich Anne Frank und ihre Familie versteckten, oder das Sommerhaus einer jüdischen Familie in Berlins Stadtteil Glienicke, das vor und nach dem Zweiten Weltkrieg mehrmals die Besitzer wechselte.
Statt der Bewohner steht in „Das Puppenhaus auf dem Schiff“ nun das Haus selbst im Zentrum der Geschichte. Denn „Das Puppenhaus auf dem Schiff“ erzählt von der Odyssee eines zauberhaften Spielzeugs, das zu Beginn des letzten Jahrhunderts von einem Schreiner in Mailand für die achtjährige Elena angefertigt wurde. Elena schenkte es zum achten Geburtstag ihrer Tochter Elisa. Im Krieg musste die jüdische Familie aus Florenz nach England fliehen. Das Puppenhaus konnte gerettet werden und fand auf einem Schiff den Weg nach London. Zwei weitere Mädchengenerationen spielten mit ihm, bis das Haus bei einem Umzug verloren ging.
Mit seiner gewohnt dezenten Erzählstimme entfaltet Thomas Harding den Text zu Britta Teckentrups Illustrationen, die sie mit einer Mischtechnik als Collagen entwirft. Kunstvoll geschichtet legen sich Vorder- und Hintergrund aufeinander, wobei alle Flächen feine Strukturen aufweisen. Das Auge fährt beim Betrachten lustvoll wie eine Hand über die großformatigen Bilder. Mit den geschichtlichen Ereignissen von Faschismus und Krieg wechseln die Farben. Zugleich bleibt das spielerische Element auf freundliche Weise zentral. Britta Teckentrup stattet das Format des Bilderbuchs ebenso fantasievoll aus wie die Mädchen der verschiedenen Generationen das Puppenhaus. So lebt das Buch aus dem kreativen Spiel mit Einrichtung und Figuren, die zu Geschichten genutzt werden, mit denen die Kinder ihre Alltagserlebnisse verarbeiten können. Darüber wird das Puppenhaus letztlich zum radikalen Gegenentwurf der digitalen Bildwelt.
Thomas Harding, Anna Sarfatti, Britta Teckentrup: Das Puppenhaus auf dem Schiff | Jacoby & Stuart | 56 S. | 22 €
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Kater mit schlitzohrigem Charme
„Fred“ von Posy Simmonds – Vorlesung 09/26
Mauer des Schweigens
„Eine einfache Wahrheit“ von Corinna Krenzer – Literatur 09/26
Orgasmus in der Küche
„Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie – Textwelten 09/26
Romeo und Julia als Aliens
Theaterlesung am Comedia Köln
Mysteriöse Tonbänder
Norbert Scheuer liest in Bonn
Verglimmende Hoffnung
„Zündhölzer“ von Yevgenia Belorusets – Literatur 08/26
Das Unaussprechliche des Familienlebens
„Vertraute Gespenster“ von Anna Ruchat – Textwelten 08/26
Dem Tod abgerungen
„Eddos goldenes Lächeln“ von Stella Gaitano – Literatur 07/26
Auf sich gestellt
„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo – Literatur 07/26
Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26
Zwischen Erinnerung und Widerspruch
Lesestunde zu Christa Wolf im Buchladen Sülzburgstraße – Literatur 06/26
Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26
Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26
Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26
Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26
Glühender Zorn
„Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof – Textwelten 07/26
Schule mit Herz und Humor
„Shrimpie und ich“ von Moni Port und Claudia Weikert – Vorlesung 06/26