Janna packt ihre Reisetasche und flüchtet – dorthin, von wo aus ihre Eltern 1989 ihre Flucht in den Westen angetreten haben. Zumindest glaubt Janna, dass die Eltern ein halbes Jahr vor der Wende in einer Nacht- und Nebelaktion „rübermachten“. Gesprochen wurde in ihrer Familie nicht darüber. Inzwischen sind ihre Eltern tot und Janna selbst ist nun so alt, wie ihr Vater jemals wurde. Sie waren erst wenige Monate in Westdeutschland, als er sich umbrachte. In seinen Händen hielt er einen Zettel, auf dem Jannas Name stand. Seitdem ist sie fest von ihrer Schuld überzeugt. Genauso wie ihr Vater ist sie inzwischen Schriftstellerin und will dreißig Jahre später ein Buch über diese Geschichte schreiben, das ihr Verlag aber ablehnt. Sie erzählt niemandem von ihren Plänen und fährt nach Kohltal, in das Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, in dem sie aufwuchs, um nach Antworten zu suchen. Sie wird kritisch beäugt, kaum dass sie dort angekommen ist; ihr Vater ist den Bewohner:innen nicht in guter Erinnerung geblieben. Die alten Konflikte kommen aber erst richtig ans Tageslicht, als Janna die Tagebücher ihres Vaters findet.
Was die Figuren in diesem Buch vor allem tun, ist schweigen. Die physische Mauer der deutschen Teilung ist längst gefallen, aber die Mauer des Schweigens erhalten alle aufrecht. Jannas ehemals bester Freund will bei ihrer Rückkehr nicht mit ihr sprechen, Janna selbst lässt sich verleugnen, als ihr Mann und ihre Liebhaberin in ihrer Pension anrufen. All dem Schweigen geht die Autorin in ihrem Romandebüt akribisch nach, ohne es zu moralisieren. Es bildet sich ein bedrückender Leseeindruck heraus, da Anpassungsdruck und Widerstandsfähigkeit als zentrale Motive der Erzählung permanent miteinander in Konflikt stehen und sich dreißig Jahre später kaum eine Veränderung abzeichnet: Die Haltungen der Menschen in Kohltal scheinen unverhandelbar. Während einige Figuren wie die der mürrischen Gastwirtin oder grantigen alten Lehrerin eher holzschnittartig ausfallen, gibt die Autorin in den Rückblenden auf die Kindheit in der DDR Zwischentönen Raum. Über Schuldfragen hinaus wird hier interessant, inwiefern Kinder sich von ihren Eltern emanzipieren und ob sie ihren eigenen Weg finden.
Eine einfache Wahrheit | Dt. Originalausgabe | Kjona | 240 S. | 24 €
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