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Wolfgang Niedecken und Markus Feldenkirchen im WDR Funkhaus
Foto: Felix Tschon

Schreibtisch mit Rheinblick

20. März 2017

lit.Cologne: Niedecken über das Songschreiben – Musik 03/17

Als Wolfgang Niedecken seine Gitarre am Freitagabend gegen viertel nach neun das erste Mal in die Hand nimmt, beginnt Markus Feldenkirchen, mit dem Stuhl zu wippen. Es dauert nicht lange, dann stimmt auch der Kopf des Moderators ein – auf und ab. Sein Gast hat zur Reihe „Lyrics“ der 17. lit.Cologne nicht seine schwungvollsten Lieder mitgebracht. In den Köpfen der Zuhörer im ausverkauften Klaus-von-Bismarck-Saal bewegen vor allem die Texte etwas, die die Melodien des BAP-Frontmanns schmücken. Niedecken ist ins Funkhaus des WDR gekommen, um über sie zu sprechen – über seine Lyrics, seine Lyrik.

Natürlich sprechen er und Feldenkirchen auch über den US-amerikanischen Folk-Pionier Bob Dylan, dem im letzten Jahr als erstem Musiker überhaupt der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde. „Die Rockmusik, die Popmusik – vom Textlichen her war das nichts Großes“, sagt Niedecken über die Zeit vor Dylan. Für ihn sei das damals aber nicht schlimm gewesen. „Wir konnten ja auch nicht besonders gut Englisch“, schmunzelt er.

Den Moderator hat der Gast selbst vorgeschlagen. Als politischer Spiegel-Journalist ist Feldenkirchen sicher nicht die naheliegendste Wahl. Er entpuppt sich aber schnell als die richtige. Er hakt nach, wenn sich Interessantes anbahnt, und bringt selbst Witz in den Abend. „Keine Angst, ich spiele nicht weiter“, bemerkt Niedecken nach dem Ende seines ersten von insgesamt fünf Songs, als er sein Instrument nochmal stimmt. „Die Angst war riesig“, antwortet Feldenkirchen. Das Verhältnis der beiden wirkt freundschaftlich. Den Schreibtisch seines Gasts kenne der Moderator auf jeden Fall aus einer früheren Begegnung. „Mit Rheinblick“, bemerkt er. „Es ist das Größte“, lacht Niedecken. Aus dem Haus, in dem er wohnt, wolle er nicht mehr raus. Auch nicht, wenn die vielen Stufen mal Probleme bereiten würden. „Dann muss ich halt auf dieser Etage bleiben.“

Dass Niedecken Zeit mit der Gitarre verbringt, weil ihm vielleicht ein falscher Ton aufgefallen ist, passt zur Leidenschaft des 65-Jährigen. Ein Lied sei für ihn erst fertig, wenn alles passe. „Ich ärgere mich schon ganz gerne mit meinen Stücken rum“, erklärt er. Wie der Prozess des Songschreibens ablaufe? „Alle Kombinationen sind möglich.“ „Unger Krahnebäume“ habe in seinem Kopf beim Blick aufs Straßenschild in der Nähe des Eigelsteins begonnen. „Frankie un er“, das er als zweites spielt, sei in Argentinien entstanden – inspiriert von Bruce Springsteens düsterem „Nebraska“-Album und von letzten Runden unter dem neonblauen rechten Winkel des Südstädter Chlodwigecks. Und von einem Hund, der den spanischen Begriff für Ente – Pato – wegen einer Ähnlichkeit zum Federtier als Namen getragen und ihn einst vor Silberlöwen gerettet habe. „Aber das wäre eine andere Geschichte“, sagt Niedecken. Schade, dass er sie nicht erzählt. Denn, wenn der Kölner eins ist, dann ein Geschichtenerzähler.

Als Niedecken und Feldenkirchen ihr Gespräch beenden, nimmt der Lyriker auf dem Hocker Platz, der bei den Gitarren steht. Bevor er sich mit dem Stück „Noh all dänne Johre“ vom Publikum verabschiedet, ergänzt er noch etwas zum Blick von seinem Schreibtisch. Das einzig Gute am Winter seien die blattlosen Bäume, die Aussicht auf den Rhein dann vollkommen unbeeinträchtigt. Schließlich spielt Wolfgang Niedecken sein Lied. Und Markus Feldenkirchen wippt mit dem Stuhl.

Felix Tschon

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