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Vom Schicksals gesteuert: „Der Schwindler“
Foto: Schreiber & Leser

Schicksalsschläge

29. November 2018

Sozial vielschichtige Abenteuer – ComicKultur 12/18

Noell lebt mit seiner Mutter. Er wirkt wie ein kleiner Junge, ist aber schon 22 Jahre alt. Eines Nachts geschieht „Der Umfall“ und seine „Mumsel“ liegt leblos auf dem Boden. Sie muss ins Krankenhaus, er wird nach Neuerkerode in Niedersachsen gebracht – einem vor 150 Jahren gegründeten Dorf für Menschen mit „geistiger Behinderung“. Dort lernt Noell eine ganz neue Welt kennen. Hier muss er sich mit den anderen Mitbewohnern auseinandersetzen, hier sind aber auch Menschen, die Verständnis für ihn zeigen. Mikael Ross gelingt es mit dynamischen, farbigen Zeichnungen und einer einfühlsamen Dramaturgie, die nicht aus übertriebener Angst vor Unkorrektheit scheut, Noells Perspektive mit Humor zu vermitteln (avant-verlag). Mit „Der Schwindler“ hat Pascal Rabaté „Ibykus“ von Tolstoi – nicht dem bekannten Leo, sondern dem unbekannteren Alexei – adaptiert. Der „Roman eines Revolutions-Abenteurers“ erzählt satirisch die haarsträubende Odyssee eines Opportunisten und Kriegsgewinnlers, wie er im Buche steht. Das monströse Werk umfasst über 700 aufwändig gezeichnete Seiten. Die illustre und oft actionreiche Story ist kurzweilig, aber auch leicht verstörend, weil einem die amoralische, jedoch nicht boshaft geschilderte Hauptfigur näher ist, als es einem lieb ist. Ein faszinierendes Epos über einen Hochstapler ohne Werte (Schreiber & Leser).

Eine wilde Odyssee zwischen Verrat und Verbrechen erleben auch May und Eugene in „Bastard“. Die Mutter hat nicht nur einen Sohn auf ihrem Roadtrip dabei, sondern auch viel Geld im Koffer und einige Killer an den Fersen. Max de Radiguès kleinformatiges, knapp 180 Seiten umfassendes Genrestück wirkt schnoddrig und beiläufig, entfaltet aber ungeahnte emotionale Tiefe und hat einige Twists in der Hinterhand (Reprodukt). Am Rande der Legalität wandern in „Langfinger & Wackelzahn“ zwei Jugendgangs, die ihre Hauptquartiere gegenseitig zerstören. Eigentlich hat hier aber jeder einzelne schon genügend Probleme. Erwachsene kommen nicht vor, die kaputten Teenager sind am Ende eher sympathische Loser, die ihren Weg suchen. Michel Esselbrügge zeichnet sein außergewöhnliches Szenario mit Punk-Attitüde und baut irritierende surreale Elemente à la Charles Burns ein (Rotopol).

Christian Meyer-Pröpstl

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