Eloise muss sich in der Schulbank vor Hunger erbrechen. Ihre alkoholisierten Eltern haben es wieder einmal nicht geschafft, ihr ein Schulbrot mitzugeben. Agnes wird hingegen von ihren Eltern zu jedem Extraunterricht chauffiert, der ihre Karrierechancen steigern könnte. Gemeinsam ist den beiden ungleichen Mädchen, die sich zunächst hassen, in späteren Jahren aber einmal Liebende werden, dass sie aus afroamerikanischen Familien stammen. Die Geschichte vom Eloise und Agnes bildet eine Art Zentrum im weit verzweigten Beziehungsgeflecht eines Romans, der 34 Protagonisten besitzt. Seine Autorin Regina Porter, firmiert als Debütantin, aber als eine, die das Handwerk des Schreibens perfekt beherrscht. „Die Reisenden“ erzählt von zwei Familien, den Christies mit der schwarzen Haut und den Vincents mit der weißen Haut.
Über 64 Jahre erstreckt sich die Zeitspanne des Romans, der auch stilistisch Aktualität mit gestandener Erzähltradition verbindet. Das große Vorbild von Regina Porter ist Raymond Carver, in den siebziger Jahren Chronist der unteren Mittelschicht in den USA. Neben Hemingway, Fitzgerald und Coover zählt er zu den Göttern des Storytelling. Carver schrieb nie einen Roman, aber wie zwingend und repräsentativ seine Erzählungen zu einem Epochengemälde der USA verschmelzen, demonstrierte Robert Altmann 1993, als er Carvers Geschichten in „Short Cuts“ zu einem sozialen Panorama montierte. So arbeitet nun auch Regina Porter, indem sie die Schicksalslinien ihrer Figuren miteinander verknüpft.
Prosa, die über solch weite Zeitstrecken angelegt ist, erkaltet oft, weil sie konstruiert wirkt. Nicht so bei Regina Porter. Wir verfolgen die Lebensläufe wie auf einer Planskizze, die dann jedoch punktuell mit Szenen ausgestattet ist, in denen uns ein detailreicher Realismus geboten wird. Mit wenigen Worten ist die Atmosphäre eines Ortes entworfen und man verfolgt mit Spannung wie die Menschen ticken, die sich an ihnen aufhalten. Den oftmals bitteren Geschmack der Wirklichkeit bekommt man dazu geliefert. So wird die schöne Agnes als Teenager bei einer nächtlichen Autokontrolle von einem weißen Polizisten vergewaltigt, ohne dass ihr Verlobter etwas dagegen tun könnte. Das sind die Momente, in denen die Machtdemonstration der weißen Gesellschaftsordnung, all jenen, die über schwarze Haut verfügen, ihre blanke Ohnmacht spüren lässt. Am Ende des Romans, als Agnes Mitte sechzig und inzwischen Oma ist, begegnet sie dem Ex-Polizisten noch einmal und reagiert überraschend.
Beide Familien erleben über die Jahrzehnte der sozialen Hoffnungen und Demütigungen in den sechziger Jahren einen sozialen Aufstieg. Begegnungen, Trennungen und häusliche Gewalt sind nicht einfach Stationen des Lebens, sondern scharf beobachtete Szenen. Wenn bei Regina Porter eine weiße Frau nach dem Martiniglas greift, weiß man sofort, dass hier etwas im sozialen Gefüge aus den Angeln geraten ist. Wir folgen Eloise, dem arme Mädchen, das mit eisernem Willen seinen Lebensweg geht und den Roman nach Europa und schließlich nach Berlin führt. Die Kapitel sind bestückt mit historischen Fotografien, das macht sich gut, wäre aber eigentlich nicht nötig, weil Regina Porters Prosa raffinierte Bilder entwirft, packend wie in einem Film. Nein, besser.
Regina Porter: Die Reisenden | Aus dem Amerikanischen von Tanja Handels | S. Fischer Verlag | 380 S. | 22 €
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