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Gustav Seitz, Ausstellungsansicht Käthe Kollwitz Museum 2017
© Käthe Kollwitz Museum, Köln

Mit den Augen des Bildhauers

27. Juli 2017

Auf dem Weg zum Denkmal: Gustav Seitz im Käthe Kollwitz Museum – kunst & gut 08/17

Wie gut, dass irgendjemand diese Fotos aufgenommen hat und dass sie im Laufe der Jahrzehnte nicht verlorengegangen sind! Der „Hingucker“ der derzeitigen Wechselausstellung im Käthe Kollwitz Museum ist – zunächst – eine auf Wandhöhe vergrößerte Fotografie des Ateliers von Gustav Seitz. Sie zeigt den Bildhauer 1957 bei der Arbeit am Denkmal für Käthe Kollwitz inmitten kleinerer plastischer Entwürfe. An der Atelierwand hängt ein Porträt von Käthe Kollwitz selbst, das Seitz als Orientierung gedient hat. Es handelt sich um ihr letztes Selbstbildnis, eine Kreide- und Pinsellithographie aus dem Jahr 1938, sieben Jahre vor ihrem Tod.

Gustav Seitz (1906-1969) hat Kollwitz selbst kennengelernt; ihr Atelier als Leiterin der Grafikklasse befand sich direkt über seinem Meisterschüleratelier an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Nun also war er vom Berliner Magistrat beauftragt worden, das Denkmal für den 1947 so benannten Käthe Kollwitz Platz am Prenzlauer Berg – dort wo sie selbst gewohnt hatte – zu gestalten. Die berühmte sozialkritische Zeichnerin und Bildhauerin, die still und leise gestorben war, sollte angemessen im öffentlichen Bewusstsein bleiben. Die „klassische“ Aufgabe des Bildhauers war, mit dem Denkmal ihrem Charakter, ihrer Bedeutung und ihrem Werk gerecht zu werden. Dazu hat Seitz lange um den richtigen Ausdruck, die Festlegung auf ein Lebensalter und das Verhältnis von In-sich-ruhend und forschendem Sehen gerungen: Das ist jetzt der „Gegenstand“ der Ausstellung im Käthe Kollwitz Museum. Begleitend zeigt sie jenes Selbstporträt, das Seitz damals zur Verfügung stand, sowie etliche weitere (Selbst-) Bildnisse der Kollwitz. Vor allem aber geht es um die Perspektive des Bildhauers auf die Zeichnerin – als weitere Facette zu Kollwitz, deren 150. Geburtstag das Museum in diesem Jahr aus verschiedenen Blickwinkeln würdigt.

Katharina Koselleck
Foto: Presse

Die Kuratorin

Katharina Koselleck ist seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Käthe Kollwitz Museum Köln. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Gustav-Seitz-Stiftung, die ab September in Trebnitz bei Berlin ein eigenes Museum eröffnet.

Wer sich für Bildhauerei interessiert, wird in der von Hannelore Fischer und ihrer Mitarbeiterin Katharina Koselleck überzeugend zusammengestellten Schau viel entdecken, obzwar – oder gerade weil – die Anzahl der Bronze- und Gipsplastiken und Zeichnungen überschaubar gehalten ist. Schon bei der letztjährigen Werkschau der Kollwitz-Plastiken war ein unterschwelliges Thema die Frage, welche Möglichkeiten der minutiösen Formgestaltung die Arbeit mit Gips und Bronze und die verschiedenen Güsse eröffnen. Und das lässt sich jetzt ein weiteres Mal ganz praktisch und anschaulich bei Seitz beobachten, der selbst die ganze Klaviatur des bildhauerischen Repertoires beherrschte. Für ihn stand von vornherein fest, Käthe Kollwitz sitzend in das Zeichnen vertieft zu zeigen. Aber schon wie der Sitz beschaffen ist, ob die Kollwitz zeichnet oder die Zeichnungsmappe geschlossen an der Seite lehnt, wechselt von Plastik zu Plastik. Ebenso variiert Seitz die Haltung der Arme; die Fußspitzen schauen unter dem langen Gewand hervor und verschwinden wieder darunter, so dass die Gestalt zu schweben scheint. Damit steigert er augenblicklich die Vergeistigung der Figur. Mit jeder seiner Entscheidungen wirkt er auf die Interpretation ein.

Als dann das Denkmal 1961 – überlebensgroß in Bronze auf einem Steinsockel – am Prenzlauer Berg eingeweiht wurde und sofort zu einem der besten Werke seiner Zeit avancierte, konnte man sehen, welche Erkenntnisse Gustav Seitz aus dem jahrelangen Findungsprozess gewonnen hatte. Käthe Kollwitz ist als alte Frau gegeben, sitzt  aber aufrecht und dabei wach und konzentriert schauend. Die Mappe steht leicht aufgefächert an der Seite, von ihr mit der linken Hand gehalten. Die  andere Hand umgreift im Schoss einen Kohlestift, als würde sie jeden Moment wieder mit dem Zeichnen loslegen. Kollwitz ist hier ganz Arbeiterin, mitten im Alltag, der damals ein Kampf ums Überleben war, also fern von jeder Idealisierung, aber auch frei von zu großer zeitlicher Einbindung. Und: Sie sollte nicht unnahbar, sondern Teil des Lebens in der Stadt sein. Dass die Kinder heute auf dem Sockel spielen und noch die Bronzefigur hochklettern, hätte Gustav Seitz bestimmt gefallen – und Käthe Kollwitz sowieso.

„Gustav Seitz – Ein Denkmal für Käthe Kollwitz“ | bis 17.9. | Käthe Kollwitz Museum in der Neumarktpassage | 0221 227 28 99

THOMAS HIRSCH

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