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Hans Haacke: Life Airborne System, 1965, 1968
© Hans Haacke, VG-Bild-Kunst

Die überwucherte Bevölkerung

09. September 2020

Hans Haacke im Mönchengladbacher Museum Abteiberg – Kunstwandel 09/20

Fressende Möwen die eine lebende Skulptur bilden, kann der Tourist an deutschen Küsten jeden Tag sehen, Hauptsache er wirft Fressbares ins Wasser. Konzeptkünstler Hans Haacke (*1936 in Köln) ließ 1968 in Coney Island, New York gleich eine ganze Futterstelle für die gierigen Flieger im Atlantik schwimmen, erklärte das zur „Möwenplastik“ (Live Airborne System, 1965 geplant) und erweiterte so den Skulptur- und Kunstbegriff zu einer Zeit, als das Abstrakte in Museen immer noch als die Innovation an sich galt und die Postmoderne längst noch nicht am Horizont auszumachen war. Künstler wie Haacke und Beuys wurden argwöhnisch beäugt – kein Wunder, dass Beuys` „Filzanzug“ von 1970 gleich vis-à-vis am Eingang der (fast historischen) aber frisch kuratierten Kunstschau „Kunst Natur Politik“ über Hans Haacke im Museum Abteiberg in Mönchengladbach hängt.

Eine Forschungsausstellung soll das sein, analysiert und in Vitrinen platziert das fotografisch schwarzweiße Frühwerk des großartigen Künstlers, der irgendwie in New York kleben geblieben ist und bis auf sein spektakuläres, immer noch wucherndes Biotop „Der Bevölkerung“ (Berlin, 2000) im Reichstagsgebäude zu Unrecht selten wahrgenommen wird. Ein politischer Künstler eben, unangenehm aufklärerisch, jemand der bereits in den frühen 1970ern ökologische Systeme und Umweltverschmutzung in seinen Werken thematisierte.

Bestes Beispiel: Das „Krefelder Abwasser-Triptychon“ von 1972. Damals wurden 42 Millionen Kubikmeter ungeklärtes Abwasser in den Rhein geleitet. Im zentralen Bild sieht man die Einleitungssteller der Farbenfabrik Bayer (bei km 765,7) wo die Möwen haufenweise verendete Fische fraßen und so die „Möwenplastik“ aus den USA kopierten. Die linke Tafel erklärt die damals (natürlich) ungerecht verteilten Kanalgebühren, die rechte dokumentiert die wundersamen gelösten Stoffe im Krefelder Abwasser, die sogar Steine am Ufer rot färbten. Der Künstler reagierte im selben Jahr mit einer Rheinwasseraufbereitungsanlage, deren geklärtes Wasser ein Goldfischbecken (mit lebenden Tieren) füllte. Die Ausstellung ist eine wichtige und kunstvolle Informationsquelle auch für Umwelt-Aktivisten, die der Politik erklären wollen, wie lange schon alles bekannt ist und nie etwas getan wurde.

Hans Haacke – Kunst Natur Politik | bis 25.10. | Museum Abteiberg, Mönchengladbach | 02161 25 26 37

PETER ORTMANN

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