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Herta Müller
Foto: Stephanie von Becker

Wortwiderstände

28. Januar 2020

Herta Müller zu Gast bei der Poetica – Literatur 02/20

Mit Widerstand kennt sie sich aus. In der deutschsprachigen Literatur gibt es kaum eine andere Autorin, die in einer so bildmächtigen Sprache vom Alltag in diktatorischen Systemen, von Fluchtpunkten und Überlebensstrategien erzählt, wie Herta Müller. Deswegen musste sie ihre Haltung zur Thematik der diesjährigen Poetica gar nicht erst erklären. Sie musste nur erzählen. Unter dem Banner „Widerstand. The art of resistance“ versammelten Kurator Jan Wagner und das internationale Kolleg Morphomata vergangene Woche sieben Schriftsteller aus drei Kontinenten. In Lesungen und Gesprächen sollte es darum gehen, das widerständige Potenzial der Poesie zu erkunden.

Nach der Auftaktveranstaltung am Montag, den 20. Januar begrüßte Jan Wagner das Publikum am Dienstagabend in der ausverkauften Kulturkirche Köln. Zu Gast war ebenjene Herta Müller, die in kurzen Lesungen und ausgedehnten Gesprächen mit Freund und Schriftsteller Ernest Wichner Einblicke in ihr Leben und Werk gewährte. In der ersten Hälfte des Abends las sie vor allem aus dem Buch „Mein Vaterland war ein Apfelkern“. Ein Interview mit Angelika Klammer dient dort als Ausgangpunkt einer literarischen Überarbeitung, die vor allem die Kindheit und das Aufwachsen Herta Müllers schildert. Klammers Fragen dienen als Stichworte für poetische Streifgänge, die die Leser in das Leben der Schriftstellerin führen.

Biografischer Rückblick

Geboren wurde sie in einem kleinen rumänischen Dorf in der Region Banat. Ihre Familie gehörte zur deutschen Minderheit im Land. Als Nazideutschland dann unter Hitler in den Krieg zog, wurde ihr Vater Soldat der Waffen-SS. Nach dem Krieg landete die Mutter zwischenzeitlich in einem ukrainischen Arbeitslager, der Vater schlug sich nach dem Krieg als LKW-Fahrer durch. Über die Vergangenheit der Kriegs- und Nachkriegsjahre herrschte nicht nur in der Familie eisernes Schweigen. Im sozialistischen Regime unter Nicolae Ceaușescu wurde auch die Rolle Rumäniens, die lange an der Seite Hitlers kämpften, verschwiegen. Nur manchmal, etwa wenn der Vater im Suff alte Nazilieder trällerte, brach die Vergangenheit in die realsozialistische Dorfödnis.

Dieses doppelte Schweigen fand seine Entsprechung in langen Streifzügen durch stumme rumänische Wälder, die Herta Müller als Kind regelmäßig durchwanderte. Nach dem Studium arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Der Geheimdienst nötigte sie, als Spitzel zu arbeiten – Müller weigerte sich. Es folgten Einschüchterungsversuche, Gängelungen am Arbeitsplatz, auch Todesdrohungen. Müller blieb standhaft. Und fing an zu schreiben.

Schreiben als Widerstand

Schriftstellerin, so erklärt sie dem Publikum, wollte sie nie werden. Das Schreiben diente „als Selbstvergewisserung, um nicht verrückt zu werden“. Die Worte, die sie findet, sind Ankerpunkte, Widerstände gegen die namenlosen Ungerechtigkeiten des Regimes. Die Schrecken und Traumata, die stille Kollaboration, die für die Bevölkerung unsichtbaren Lager, all das umkreist Müller seitdem in Werken wie der „Atemschaukel“ oder „Im Heimweh ist ein blauer Saal“. 2009 erhielt sie dafür den Literaturnobelpreis.

Wenn Herta Müller in der Kulturkirche aus ihrem Werk liest, entsteht trotzdem keine bedrückende Stimmung. Zum einen, weil die Lesepassagen immer wieder für längere Gespräche zwischen Müller und Wichner unterbrochen werden. Die Schriftstellerin erzählt dann pointensicher und launig Anekdoten aus dem Dorfleben: über propagandistische Kinderbücher wie „Der allmächtige Igel“, der vor allem als Topfuntersetzer zum Einsatz kam, oder vom Kühemelken, das sie auf dem rumänischen Dorf perfektioniert habe. „Das kann ich immer noch“, ist sie sich sicher.

Wörter mit Eigenleben

Es liegt aber auch an ihren Texten. In dichten Metaphern und Bildern erfasst sie dort die repressive Realität in der Diktatur. Sie beschönigt nichts. Und doch umweht die Texte eine Schönheit und Intensität, die anzeigen, was widerständige Literatur bedeuten kann: Lebendigkeit. Das wird den Zuschauern vor allem im zweiten Teil des Abends klar, als Müller ihre Collagen präsentiert.

Ausgeschnittene Zeitungsschnipsel kompiliert sie dort zu kleinen Gedichten. In der Kulturkirche werden sie auf den Beamer projiziert, der hinter Müller und Wichner über dem Altar positioniert ist. Die sprachliche Ebene wird so um eine visuelle erweitert. Die Wörter werden in ihrer Materialität sichtbar. Sie ordnen sich an wie auf einer Bühne, gewinnen ein Eigenleben: „Die Themen der Collage sind ja nicht andere als in den Romanen. Trotzdem entsteht eine Leichtigkeit, weil ich das Gefühl habe, ich bin es gar nicht, die den Text mit ausgeschnittenen Wörtern macht, das machen die Wörter selbst“, heißt es in „Mein Vaterland war ein Apfelkern“.

Dem erstarrten System und der erstickenden Angst wird das lebendige Wort gegenübergestellt. Widerstand bedeutet hier Sichtbarmachung. Und kaum jemandem gelingt das beeindruckender und poetischer als Herta Müller.

Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern | Hrsg. v. Angelika Klammer | Hanser Verlag | 240 S. | 19,90 €

FLORIAN HOLLER

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