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Paulina Czienskowski
Foto: William Minke

Subjekt und Ego

01. Mai 2020

Zwei Bücher zwischen Identitätssuche und Selbstinszenierung – Wortwahl 05/20

Die Erzählung in „Taubenleben“ (Aufbau Verlag) von Paulina Czienskowski beginnt mit einem HIV-Bluttest nach einem ungeschützten One Night Stand. Es folgt ein banges Warten auf den Befund, das aber nicht stilles Verharren bedeutet, sondern eine Reise auslöst in die Vergangenheit, zurück in die Kindheit und die Schlüsselmomente von Lois‘ Leben: Der Umzug in eine neue, zum Großteil noch leerstehende Hochhaussiedlung, das Spucken vom Dach mit der besten Freundin, das Aufwachsen unter ihren Eltern. Die Mutter kalt und abweisend, eher eine Anti-Mutter-Figur, und der Vater dagegen scheinbar immer bemüht, aber auch nicht fassbar. Und schließlich tot und ganz aus ihrem Leben verschwunden. Während dem Warten auf eine lebenslange Diagnose – die im Denken der Protagonistin einem Todesurteil gleicht – bewegt sich Lois zwischen Realitätsflucht und Wahrheitsfindung, zwischen Erkennen der Selbstsabotage und dem ständigen Wiederholen dieser. Mit klarer, nüchterner Sprache folgt man der unruhigen Suche in der Vergangenheit nach Frieden. Czienskowski schafft ein intensives Leseerlebnis über Tod, Identität und Trauma, immer herum um das Motiv der toten Taube als Sinnbild gescheiterter Existenzen.

Während Czienskowski mit einer gewissen Ernsthaftigkeit ihre Geschichte erzählt, scheut Leif Randt in „Allegro Pastell“ (Kiwi) nicht Ironie und jede Menge Klischees. Er erzählt in drei Abschnitten „Germany’s Next Lovestory“ – wie es im Klappentext heißt. Es geht um die Fernbeziehung im Jahr 2018 zweier Thirtysomethings, die sich als Autorin und Webdesigner verwirklichen, meditieren – aber ironisch – und sonntagnachmittags auf Drogen feiern gehen. Das High kann in Ruhe noch montags ausgekatert werden; danach wird vielleicht noch eine Runde Badminton gespielt. Betont lässig führen Tanja und Jerome ihre Beziehung und äußerst idealistisch ihr Leben – dabei steht ihre Selbstinszenierung immer im Mittelpunkt. Sie wollen keinem Klischee entsprechen, wollen keine feste Bindung eingehen, wollen nicht sein wie alle anderen – und sind doch das Sinnbild für eine privilegierte Gruppe, die Randt hier aufs Korn nimmt. Der Roman ist intelligent, witzig, manchmal absurd und doch kommen zwischen dem Zynismus auch immer wieder ganz wunderbare Momente der Zuneigung, die eine nahegehende Liebesbeziehung porträtieren. Die Mischung macht es schwer, das Buch wegzulegen – ist so eine äußerst unterhaltsame Lektüre entstanden.

Katja Egler

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