Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
22 23 24 25 26 27 28
29 30 1 2 3 4 5

12.662 Beiträge zu
3.877 Filmen im Forum

Nervöse Energie

31. Juli 2023

„Der Kaninchenstall“ von Tess Gunty – Klartext 08/23

Wenn die Feuilletons im gefühlten Zwei-Wochen-Takt die neueste literarische Sensation verkünden, ruft das mittlerweile oft ein Gähnen hervor. Schon tausendfach gelesen, gesehen und gehört. Der Begriff des Meister(innen)werks wurde durch inflationären Gebrauch ausgehöhlt. Gibt es das noch: Eine Überraschung? Offenbar ja! Denn eine solche kommt nun aus den USA zu uns rüber: Tess Gunty, gerade mal 30 Jahre alt, wurde als jüngste Preisträgerin seit Philipp Roth mit dem National Book Award für ihren Debütroman „Der Kaninchenstall“ ausgezeichnet.

Es geht um wenige, aber viele, um nichts und um alles. In den Apartments des La Lapinière Affordable Housing Complex in einem von der Welt weitestgehend ignorierten, ehemaligen Industrieort hausen Menschen „zwischen billigen Wänden, die kein Leben vom anderen isolieren.“ Unter den Bewohnenden befindet sich die hochintelligente, ätherische Teenagerin Blandine, die sich eine WG mit drei halbstarken Jungs teilt. Letztere gehen dem Hobby nach, bekifft kleine Nagetiere rituell zu opfern, deren Kadaver sie auf den Balkon des darunter lebenden Seniorenpaars plumpsen lassen. In einer anderen Wohnung lebt Joan, die online Nachrufe schreibt. Und irgendwo im Gebäude hadert eine Mutter mit ihrer postnatalen Depression. Figuren, deren skurril überzeichneteSchicksale sich alle aufgrund der gemeinsamen Ortsverwobenheit streifen.

Guntys Roman ist die gleichermaßen schonungslose wie hinreißend eigenartige Momentaufnahme der Abgehängten im gegenwärtigen Amerika bzw. sogenannter westlicher Kultur. Doch darüber hinaus ist er auch das Vexierbild von Einsamkeit in unserer durchdigitalisierten Welt, in der zwischenmenschliche Nähe virtuell über weite Entfernungen erzeugt wird, während uns die räumlich Nahen zu entgleiten scheinen. Es ist schwer, nein, unmöglich, die atemlose Lektüre auf engem Raum zu erfassen. „Der Kaninchenstall“ ist ein ADHS-Buch im allerbesten Sinne, das durch seine sprachliche Brillanz und klugen Humor verblüfft sowie auf jeder Seite Zeitgeist ausdünstet. Ob Gunty wirklich das „größte Talent seit David Foster Wallace“ ist, wie der Verlag unbescheiden verkündet? Vom Nektar der Genialität hat sie jedenfalls gekostet!

Tess Gunty: Der Kaninchenstall | Kiepenheuer & Witsch | 416 Seiten, geb. | 25€.

Nathanael Brohammer

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Obsession – Du sollst mich lieben

Lesen Sie dazu auch:

USA/ Turtle Island
Lesung in der Stadtbibliothek Köln

Letzter Tanz?
Ewald Arenz liest in Leverkusen

Ein Schlückchen Weihwasser
Lisa Roy liest in Bonn

Vom Bodensee bis nach Mexiko
Lea Pelzer liest im Literaturhaus Köln

Kölner Klangkunst
Die Hörspielwiese im Stadtgarten

Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26

Tinder, Kinder, Patriarchat
Yade Yasemin Önder liest in Köln

Zwischen Erinnerung und Widerspruch
Lesestunde zu Christa Wolf im Buchladen Sülzburgstraße – Literatur 06/26

Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26

Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26

Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26

Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26

Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26

Drei Stimmen, drei Türen zur Lyrik
7. Ausgabe des Festivals Anderland in der Stadtbibliothek – Lesung 05/26

Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26

Literatur.