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Frieda Frost mit ihren Teenies nach expressiver Performance
Foto: Marielena Wolff

Alle Körper verdienen Liebe

09. Dezember 2018

Fach- und Aktionstag „Shake It! Tanz / Körperpolitik / Empowerment“ in der Feuerwache – Spezial 12/18

Tanzen kann dich so richtig umkrempeln.
Tanzen hat die Power die Welt zu verändern.
Große Worte.
Von mir.
Ganz bewusst.

Im Tanz kannst du bei dir selbst ankommen, deinen dir eigenen Ausdruck finden, quasi deine körperliche Handschrift ausfeilen und in alle Körperteile hinein spüren. Das ist der Bezug zu dir selber. Aber du kannst auch in Kontakt mit anderen treten. Spielerisch, wie Kinder es tun. Ein effektiver und gesundheitsfördernder Weg, um dir Neues zu erschließen und gleichzeitig den Körper auszubilden und zu stärken.

Deswegen bin ich Tanzpädagogin geworden. Ich liebe es zu sehen, was beim angeleiteten und freien Tanzen mit Menschen passiert. Wie durch neue Bewegungen auch Türchen im Kopf aufgehen. Denn Körper, Verstand und Seele sind miteinander verknüpft. Dies lässt sich im Tanz auf tausend Arten ausdrücken. Für mich hat Tanzen, wie nichts anderes, das Potential den Menschen ganzheitlich anzusprechen, zu verändern und zu formen. Alles kommt in Bewegung. Und die Musik gibt den Ton an. Logisch.

Als ich von „Shake It!“ höre, denke ich mir: Stark, da will ich hin.
Hier geht es nicht um den Song von Taylor Swift, der inhaltlich gar nicht mal so übel ist. Swift singt davon Dinge abzuschütteln. In ihrem Fall die schlechte Meinungen anderer Leute.

Darum geht es an diesem Freitag (23.11.) irgendwie auch. Ich betrete den Raum, in dem überwiegend Frauen gemischten Alters sitzen. Weniger Männer als Finger an einer Hand sind da. Das liegt daran, dass sich das Seminar in seiner Ankündigung sehr direkt an „Mädchen* & Frauen*“ gerichtet hat und die Frage stellt, was für einen geschützten Raum man braucht, um im Tanz ein positives und freies Körpergefühl vermitteln zu können.

Es geht auch um Körperpolitik und Gender-Thematiken. Denn die Trennung zwischen den Geschlechtern und stereotypen Rollenerwartungen spiegelt sich auch im Tanz-Sektor wieder. So gibt es Tänze die männliche und weibliche Rollen haben. Oder das Bild der Frau als rollenkonformes Animierpüppchen, wie es im über-epischen, ja fast heroischen Nike-Werbeclip aus Russland verdeutlicht, aber gleichzeitig auch überschrieben wird. Darin bekommt das kleine, adrett gekleidete Mädchen, das mit zarter Stimme in einer Oper vorsingt, auf einmal Unterstützung von roughen, toughen und starken Sportlerinnen, die dafür stehen, dass Frauen nicht nur aus Lieblichkeit und Zuckerguss an der Oberfläche bestehen, sondern auch aus seelischer und physischer Stärke, dass Frauen auch Kämpfernaturen sind.

Stichwort: Empowerment.

Empowerment durch Sensibilisierung, z.B. für die noch immer propagierten Plastik-Ideale einer Konsumgesellschaft oder die Vergehen an Frauenkörpern im Privatbereich oder im eher Allgemeinen durch Sexismus. Und Empowerment durch  Ermächtigung (die Befähigung jedes Individuums sich selber frei und stark zu machen). Das hört sich ja schon mal ganz nett und vor allem richtig an.

Aber in Zeiten, in denen Feminismus „hip“ ist, „en vogue“ ist und auf billig produzierte Massenware gedruckt wird, ist es wichtig die Frage zu stellen, ob dort, wo „Empowerment“ drauf steht auch welches drin ist. Dies geschieht im Vortrag von Sonja Eismann, die Gründungsmitglied und Herausgeberin des Missy Magazins ist. Doch wie soll Frau es schaffen, gleichzeitig stark und feminin zu sein, eigenständig aber auch anpassungsfähig, unabhängig und doch stets attraktiv für den vor allem männlichen Blick?

Und wie lässt sich dieser ganze Hokuspokus, der einer Gleichberechtigung im Jahr 2018 noch immer im Wege steht, mal endlich in die Tonne kloppen? Wie lassen sich in der Hinsicht neue Synapsenverbindungen aufbauen und neue Standards etablieren?

Schonmal mit Bodypositivity versucht?

Über diese Bewegung spricht die Aktivistin Madeline Doneit, die selber als dickes Mädchen auf der Sportschulbank mehr über das Mehr an Fett (im Vergleich zu ihren Schulkameraden-Schenkeln) dachte, als an den Sport an sich. Da ist der Zugang zur Freude an der Bewegung schon mal verbaut. Deswegen feiert Madeline es, dass sogenannte „Thunder Thighs“ (zu Deutsch „Donnerschenkel“) in der Bodyposivity-Bewegung der Diskriminierungen von z.B. dicken, schwarzen, trans, queeren oder behinderten Körpern entgegengesetzt werden. Man rückt den Speck, die Ecken und Kanten von menschlichen Körpern ins Rampenlicht und sagt: Hurra, dieser Arsch ist viermal größer und er ist genauso menschlich, normal und sehenswert!

Dass Diversität sich zunehmend durchsetzt, zeigt auch die aktuelle Kritik und der Verlust an Einschaltquote, für die noch immer uniform auf- und abtänzelnden 90-60-90-Engel der Victoria‘s Secret Show. Diversität statt Uniformierung.

Doch bei Bodypositivity werden auch schmerzhafte Gedanken angesprochen, die vor allem junge Mädchen in der Pubertät kennen (ja, natürlich gibt es auch das Leiden der Jungen an ihren Körpern, aber hier geht es heute mal um die Damen). Denn das Leiden ist groß und prägt die gesamte Frauwerdung. So gibt es als absolut reales Beispiel einen Comic von einem Mädchen, das sich selber, wenn es nur einen einzigen Wunsch bei einer guten Fee frei hätte, sofort das Fett mit einer Schere abschneiden würde. So sieht es aus in den Köpfen vieler Heranwachsender, die noch immer zu viel 0815-Symmetrie, BMI-Hysterie und Photoshop-Oberflächlichkeit per Instagram und Werbeindustrie gespritzt bekommen. In einer Gesellschaft, die von Selbstzweifeln profitiert und Gefangene durch Konsum erlösen will, ist Bodypositivity Rebellion.

Zeig mir deine Donnerschenkel und lass sie dir nicht nehmen! Denn der Beauty-Markt will satt werden, er will dich fressen. „Aber vielleicht ist nicht meine kleine Wampe verkehrt, sondern eine Gesellschaft, die Dicke verurteilt“, sagt Madeline. Vielleicht sollte man auch dem Neoliberalismus mal den Finger zeigen, der ja eher mit einem offenen: „Du weißt, du solltest dich nicht so gehen lassen“ kommt, statt mit einem „Du musst so und so sein!“, regt Madeline die Gedanken an.

„Einen Scheiß muss ich“, denke ich mir. Aber um seit Jahren eingeimpfte Ideale abzuschütteln, dafür braucht es vermutlich wirklich mehr. Vor allem mehr Tanz.

Der Tag wirbelt tanzend viele Fragen auf. Es werden aber auch Lösungsansätze serviert, wie es besser laufen bzw. tanzen kann. Im Workshop von Susan Bagdach, Geschäftsführerin des interkulturellen Frauen- und Mädchengesundheitszentrums Hollah e.V., geht es um die heilige Körpermitte im islamisch-matriarchalischen Sinne. Nach 60 Minuten tanzen alle mit arabischem Tuch um der Hüfte und präsentieren sich selber selbstbewusst im Tanzkreis der Frauen – jede ganz auf ihre eigene Art, jede bei sich angekommen. Strahlende Gesichter und warme Beckenböden.

Bei Frieda Frost wird es nicht kälter aber cooler. „Herstory and her moves – Breakdance und Empowerment“. Wie das aussehen kann, sehen wir, als eine ihrer Teenie-Tanzgruppen bestehend aus bunt gemixten Körperformen und Hautfarben ein paar Breaking Moves präsentiert. Es scheint, als wären die Kids auf einer ganz großen Bühne. Frei und wild, wie kleine und große Rockstars. The Power of Empowerment. Und am Ende macht die dickste den besten Spaghat.

Die Tanzart „Contact Improvisation“ gibt es bei Diana Thielen, die damit den eigenen Standpunkt erforscht. Bei Ilse Ghekiere geht es um einen sorgenden Umgang mit allen Körpern. „Caring for all the bodies?“ Hier kommen Tanz, Meditation, Shiatsu und Yoga in den Mixer.

Dieser Tag ist für mich inhaltlich keine Überraschung, sondern etwas lange Erwartetes. Das Ganze ist sauber umgesetzt und mit einer fast überfordernden, inhaltlichen Vielfalt. Aber so ist es, wenn der Zeitgeist sich ändert und gesellschaftliche Systeme in Frage gestellt und neu definiert werden. Denn das eine (der eigene Körper zwischen auferlegtem Komplex und selbstverherrlichender Ekstase) hängt mit dem anderen (die Körper der anderen, die Meinung der anderen, die Handlungen der anderen) zusammen. Und so setzen Doris Uhlich und Stephanie Thiersch im Stück „Seismic Dancer“ am Abend um, was tagsüber nicht nur diskutiert, sondern auch am eigenen Leib erfahren wurde. Das „Sich frei machen“ von Vorstellungen, die nicht deinem persönlichen Wohlbefinden entsprechen. „Seismic Dancer“ zeigt eine Frau, die alles abschüttelt, erst den Motorradhelm, dann sämtliche Textilien. Sie dreht nackt, frei zu technoider Musik und am Ende sogar auf Spitzenschuhen. Ihr zufriedener, entspannter Gesichtsausdruck am Schluss der Darbietung steht für das Gefühl, das Empowerment durch Tanz uns geben kann.

Ein Tag, so rund wie ein dicker Bauch voll Inspiration. Mit heiklen Themen, diversen Meinungen und doch stets respektvollem Ton. Wohltuend und erfrischend zugleich. Ein Tag, der eine Fortsetzung finden wird. Und ein Satz, der hängen bleibt: Alle Körper verdienen Liebe.

Marielena Wolff

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