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Migration

27. Juli 2017

Oder: Vom Fressen und Gefressen-werden – Wortwahl 08/17

Herzlichen Glückwunsch, Kinders! Auch nochmal an dieser Stelle. Weil ich als euer Lehrer stolz auf euch bin: Ihr habt geschafft, was euch keiner (mehr) zugetraut hat. Nicht mal ihr selber. Von unten runtergefallen. Als vermeintliche Härtefälle der Jugendhilfe. Von wegen Schulverweigerer, Totalverweigerer … Ihr habt den Hauptschulabschluss in der Tasche. Wärt gemäß Prüfung jetzt in der Lage als Austauschschüler in England [sic!] euer verlorenes Handy zurückzuorganiseren. Habt die deutsche Altersvorsorge durchblickt, sogar Lösungsvorschläge für das Dilemma des hiesigen Generationenvertrags gemacht (höhere Rentenbeiträge bei Kinderlosigkeit) und nicht zuletzt den Zusammenhang zwischen Urgeschichte und heutiger Migration hergestellt, der ewigen Suche nach ertragreicheren Nahrungsquellen und sichereren Lebensgründen. Aber euch jetzt einfach in die Welt entlassen? Mit ihren hinterlistigen Fallstricken und unverhohlenen Demarkationslinien, die wir euch ausgelegt haben?

Ich tu' mich schwer damit. Constance Verity [Piper], A. Lee Martinez' galaktisch-geniale Superheldin, kann sich ja nicht um jeden kümmern. Im Gegenteil: Ihr Metier ist die Rettung der Welt schlechthin; vor mongolischen Horden aus dem All genauso wie vor dem im Erdinnern schlummernden unsäglichen Bösen. Und – weh uns! – auch das ist Geschichte, denn Connie macht sich mit ihrem irdenen Sidekick Tia auf den Weg, ihre magischen Kräfte ein für alle Mal loszuwerden. Keine gute Idee! In ihrem Alter zahlt das Jugendamt definitiv keine 1:1-Beschulung mehr.

Dabei würde sie sich mit ihrem (Cover-)Outfit hervorragend in den gängigen Style eingliedern: hottest Pants, unverhohlenes Dekolltée und selbstverständlich knallrote, geschürzte Lippen. Dass dies beileibe nicht ‚blond‘ sein muss, beweist Shawn Vestals „Loretta“ [Kein & Aber]: Tussenhaftigkeit als Rebellion. Punk im Mormonenland. Weil das Damoklesschwert des bloßen Funktionierens über der Jugend schwebt. Ob in einer religiösen Zwangsehe oder als unmündig gehaltenes (Un-)Nutztier in unserem vermeintlichen Wohlfahrtsstaat. Höchste Zeit zu emigrieren …

Oder extreme Nehmerqualitäten zu erwerben. Nein, kein ausgefeiltes Schmarotzertum, sondern ganz im Box-Duktus die Fähigkeit, jegliche Art von Schlägen einzustecken. Wie in Leonard Gardners „Fat City“ [blumenbar]: Faustkampf als Sozialdrama. Ohne gloriose Sieger. Denn der Traum, sich durch eine ruhmreiche Profikarriere an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, bleibt ungelebt, weil nur ganz wenigen ‚vorherbestimmt‘.

Das steht allerdings in keinem Lehrplan. Höchstens: ‚Zerstreut euch ruhig in der Social-Media-Parallelwelt, nur bitte nicht so, dass ihr für das Arbeiterdasein untragbar werdet! Nehmt euch ein Beispiel an der hohen Literatur, die sich gleichsam freiwillig dem Popdiktat unterworfen hat.‘ Mit feiner Klinge seziert Noëlle Ravez in „Das unendliche Buch“ [Wallstein] die marktwirtschaftliche Nivellierung geistiger Inhalte. Hier das zu verkaufende Objekt, dort das sich verkaufende, den Absatz ankurbelnde Gesicht. Da kann sich Ravez' Erfolgsautorin noch so winden. Da kann ich als Rezensent und niederster Lakai des Betriebs noch so zetern. Schnöde Rädchen im Foucault'esken Perpetuum mobile. Also, Kinders, macht euch auf – auf euren eigenen Roadtrip.

LARS ALBAT

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