In ihrem Glück und ihrem Erstaunen über dieses Glück sind sich alle Liebespaare ähnlich. In den Bedrohungen, die die Welt da draußen für sie bereithält, unterscheiden sich ihre Geschichten jedoch fundamental. Der Ire Kevin Barry präsentiert mit seinem Roman „Das Herz im Winter“ die Liebesgeschichte dieses Bücherherbstes. Sie spielt im Jahre 1891 in Butte, einer eilig errichteten Minenstadt in Montana. Tom Rourke, ein junger, zumeist von Alkohol und Opium zugedröhnter Herumtreiber verdient sich sein Geld als Assistent eines Fotografen. Er kann schreiben und verfasst Briefe für die Minenarbeiter, mit denen junge Frauen von der Ostküste zwecks Heirat in das Kaff gelockt werden sollen. Im Fotostudio begegnet er Polly Gillespie, einer cleveren jungen Frau aus Chicago, der man eine unrühmliche Vergangenheit nachsagt, die aber nun mit einem der vermögenden erzkatholischen Angestellten der Mine verheiratet wird.
Tom verguckt sich in Polly. Ein Boardinghaus wird in Brand gesteckt und die beiden türmen mit 600 Dollar und einem launigen Pferd in die kalte Wildnis. Immer in Angst vor den Kopfgeldjägern, die bald ihre Spur aufnehmen. Kevin Barry entzaubert den Westen jeglicher Romantik und doch klingt im Erzählen stets ein elegischer Unterton an. Er zeigt das junge, verspielte Glück zweier Liebender, die planlos ihrem unscharfen Traum folgen, während die Gewalt stets in ihrem Nacken lauert. Mit der Dramatik der Geschichte gewinnen der milchgesichtige Tom und die spöttische, lebenskluge Polly an Größe. Kevin Barry wechselt geschickt zwischen filmischem Realismus und einem mythischen Legendenton.
Die beiden wachsen einem ans Herz, aber Barry verabreicht ihrer Romanze auch schmerzhafte Schnitte. Ruppige Liebesszenen wechseln mit zarten Momenten. Da regiert ein Erzähler, der fast alles weiß und dann doch wieder Polly so schnodderig erzählen lässt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Kevin Barry hat den großen Liebesgeschichten eine weitere hinzugefügt. Mit der Schönheit seiner eigenwilligen Figuren und ihrer schicksalhaften Tragik brennt sich dieser Roman unweigerlich in die Erinnerung ein.
Am 28. Oktober um 19.30 Uhr wird Kevin Barry seinen Roman im Literaturhaus Köln vorstellen.
Kevin Barry: Das Herz im Winter | A. d. Engl. v. Thomas Überhoff | Verlagsbuchhandlung Liebeskind | 215 S. | 23 €
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Naturgewalten
„Das Unwetter“ von David Wautier – Vorlesung 10/26
Flucht aus Montana
„Das Herz im Winter“ im Literaturhaus Köln
Wie viel Wut ist genug?
„Honey“ von Imani Thompson – Literatur 10/26
Die Grande Dame der Erotik
„Das Reine und das Unreine“ von Colette – Textwelten 10/26
Odyssee eines Spielzeugs
„Das Puppenhaus auf dem Schiff“ von Thomas Harding / Anna Sarfatti und Britta Teckentrup – Vorlesung 09/26
Kater mit schlitzohrigem Charme
„Fred“ von Posy Simmonds – Vorlesung 09/26
Mauer des Schweigens
„Eine einfache Wahrheit“ von Corinna Krenzer – Literatur 09/26
Orgasmus in der Küche
„Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie – Textwelten 09/26
Verglimmende Hoffnung
„Zündhölzer“ von Yevgenia Belorusets – Literatur 08/26
Das Unaussprechliche des Familienlebens
„Vertraute Gespenster“ von Anna Ruchat – Textwelten 08/26
Dem Tod abgerungen
„Eddos goldenes Lächeln“ von Stella Gaitano – Literatur 07/26
Auf sich gestellt
„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo – Literatur 07/26
Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26
Zwischen Erinnerung und Widerspruch
Lesestunde zu Christa Wolf im Buchladen Sülzburgstraße – Literatur 06/26
Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26