Manchmal kommt man ja von allein drauf: historische Romane in der „Wortwahl”? Fehlanzeige. Fantasy, Popliteratur, Comedy? Eher selten. Aber das größte Manko: Die Unterrepräsentation weiblicher Federn. Dabei beherrschen sie selbst vermeintlich männliche Genres ganz genauso gut.
Simone Buchholz: „Blaue Nacht” [Suhrkamp] – Chastity Riley – kaltgestellte Staatsanwältin, weil sie einem Verdächtigen die Kronjuwelen weggeschossen hat – ist die hartgekochte Antwort auf die nicht abebbende Flut weichgespülter Lokalmatadörchen. Strafversetzt in den Opferschutz belässt sie es natürlich nicht dabei, einen übel zugerichteten Auftragskiller im Krankenhaus mit Bier zu versorgen. Und da auch noch ihr Lieblingskollege A.D. eine alte Rechnung zu begleichen hat, ist auf dem Kiez alsbald die Hölle los. Midlife-Crisis, Liebeskummer, depressiv durchzechte Nächte münden in actiongeladenem Pulp. Lakonisch, zotig, moralisch subversiv.
Rachel Kushner: „Telex aus Kuba” [Rowohlt] – Die Perspektive ist es, die diese unzähligste Betrachtung der kubanischen Revolution so faszinierend macht. Speziell die Grundposition, der Lebensrahmen der diversen Erzähler: Wie so ziemlich ganz Lateinamerika hat sich die United Fruit Company auch die Karibikinsel einverleibt. Selbst für in der Heimat Geächtete eine wunderbare Chance, im Leben doch noch auf die Kosten zu kommen. Dass dies auf Kosten der Kubaner und importierter Wanderarbeiter geschieht, steht nicht zur Debatte. Entsprechend hektisch wird es, als sich nach Batistas Machtergreifung die Rebellen von den Bergen aus in Bewegung setzen, um zurückzuerobern, was eigentlich ihnen gehört.
Annie Proulx: „Aus hartem Holz” [Luchterhand] – Gut, die Kanadierin ist definitiv keine Neuentdeckung in dieser Kolumne. Trotzdem war hier in den letzten Jahren nur von Wiederauflagen die Rede. Kein Wunder, denn entstanden ist in dieser Zeit ein wahres Epos über drei Jahrhunderte Einwanderungsgeschichte in Nordamerika (Achtung: ein historischer Roman). Hier die Familie eines Holzfällers, dort die eines gewieften Unternehmers, der den scheinbar unermesslichen Baumbestand zur Quelle seines Reichtums auserwählt hat. Mit dieser Idee steht er allerdings bald schon nicht mehr allein da, sodass dem Wald irgendwann die Bäume auszugehen drohen, und damit der Holzdynastie der Rohstoff für ihren Luxus, dem Malocher die Arbeit – und dem Menschen die Natur.
Carson McCullers: „Die Ballade vom traurigen Café” [Diogenes] – Amelia Evans ist die heimliche Regentin eines kleinen Südstaatenstädtchens. Rigoros und zupackend betreibt dieser Baum von einer Frau unter anderem eine Schwarzbrennerei sowie einen kleinen Laden. Ihre zwischenmenschlichen Kontakte beschränken sich allerdings neben einer nach zehn Tagen bereits wieder geschiedenen Ehe auf ihre Aktivitäten als Ärztin beziehungsweise Heilerin, bis ihr buckliger Verwandter Lymon auftaucht und das nüchterne Geschäft kurzerhand in eine gesellige Gaststätte verwandelt. Auch Amelia taut auf – lauerte da nicht ihr Ex, der schließlich aus dem Zuchthaus entlassen wird. Eine staubig-melancholische Wild-West-Ballade, die keine Message braucht, weil sie die Menschlichkeit zum Thema hat. Höchste Zeit, die vor 50 Jahren verstorbene Schriftstellerin endlich in den Adelsstand zu erheben.
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