Wohin man schaut, freundliche Menschen. Die Ehefrauen, die Kinder, die Arbeitskolleginnen, einen Roman voller sympathischer Charaktere hat Paulus Hochgatterer mit „Fliege fort, Fliege fort“ geschrieben. Eine Geschichte mit guten Menschen muss nicht langweilig sein, denn auch die Guten haben ihre Probleme, zumal wenn sie eine düstere Vergangenheit plagt. Paulus Hochgatterer kennt sich aus. Als Psychiater ist er unablässig mit Geschichten konfrontiert, in denen tragische Geschehnisse eine ganze Lebensbahn prägen. Immerhin eine ideale Voraussetzung, um packende Kriminalromane zu schreiben. Obwohl Gewalt und ihre zerstörerischen Folgen eine große Rolle in den Romanen „Die Süße des Lebens“ und „Das Matratzenhaus“ spielen, bedient der 58-jährige Österreicher keine Genre-Muster. Seine Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf die Welt von Raffael Horn und Ludwig Kovacs, Psychiater und Kriminalkommissar, die in einer Alpenlandschaft Zuhause sind, deren Schönheit einem Urlaubsparadies gleichkommt.
Die dunklen Seiten erblickt man erst auf den zweiten Blick. Ein älterer Mann ist offenbar übel zusammengeschlagen worden, obwohl er behauptet, vom Baum gefallen zu sein. Eine Nonne scheint mit einem Löffel oral vergewaltigt worden zu sein. Auch sie erzählt eine Geschichte, die nicht stimmen kann. Zugleich wird ein Mädchen entführt und wir erhalten beklemmende Berichte aus ihrer Gefangenschaft.
Hochgatterer legt den Roman breit wie eine Fernsehserie an. Es gibt viel Personal, dessen Lebensfäden man auch in Zukunft noch gerne folgen würde. Hier das Krankenhaus mit einem Psychiater, dem seine verreiste Frau fehlt und der mit Argwohn die seltsamen Aktivitäten seines Sohnes beobachtet, dort ein Kriminalkommissar, dem jeden Moment ein Infarkt droht. Mit den vielen kleinen Dingen des Alltags, wie den Zankereien am Küchentisch, den Flirts mit der Kollegin, fängt Hochgatterer das Leben ein. Aber nichts davon bleibt Zufall. Das Geschehen driftet auf ein Finale zu, in dem die beiden Ermittler auf Verbrechen an Kindern stoßen, die staatlich legitimiert wurden. Weil Hochgatterer seine beiden kauzigen Protagonisten jedoch auf Distanz voneinander hält, kann der Roman die beiden unterschiedlichen Welten der Männer so komplex ausmalen und eine Ahnung vom Stimmungswechsel geben, der sich in einer Wohlstandsgesellschaft anbahnt, die nicht die Gefahr wahrnimmt, die von den sogenannten „schwarzen Männern“ ausgeht.
Hochgatterer ist zu klug zum Psychologisieren, er lässt vielmehr die Gewalt der Vergangenheit im Verhalten der Menschen in unserer Gegenwart sprechen. Er weiß um das Schicksal jener, denen „das Lachen vergangen ist“, ihre schreckliche Geschichte ist zu erzählen. Er nimmt sich – wie er in seiner Danksagung am Ende des Buchs verrät – die Freiheit des Romanciers, der Dunkelheit etwas entgegen zu setzen. Das Leben ist mehr als Gemeinheit, Zerstörung und Tod. Hochgatterer zeigt uns, dass es Sinnlichkeit und Freude beinhalten kann. Dieser Roman besitzt nicht den Ehrgeiz, ein Krimi zu sein, aber vielleicht ist es gerade diese Gelassenheit, die ihn in ein so außergewöhnliches Lesevergnügen verwandelt.
Paulus Hochgatterer: Fliege fort, Fliege fort | Deuticke Verlag | 286 S. | 23 €
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