17. Jahrhundert: Nach dem ersten großen Krieg, in dem ein junger Mann gedient und schwer verwundet wurde, kehrt er in ein Dorf zurück, um sein Erbe eines Bauernhofes anzutreten. Er hat entsprechende Papiere, so dass ihm die anderen Dorfbewohner vertrauen, auch wenn sie ihm ein wenig skeptisch gegenüber sind. Dass der Mann in Wirklichkeit die Frau Rose (genial: Sandra Hüller) ist, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis. Doch als der Fremde durch sein zupackendes Wesen und seine Furchtlosigkeit im Ansehen der anderen steigt, wird ihm von einem Großbauern (Godehard Giese) die Hochzeit mit dessen Tochter Suzanna (Caro Braun) ans Herz gelegt. Muss Rose nun befürchten, dass ihre Maskerade aufzufliegen droht? Markus Schleinzer hat „Rose“ (Cinenova, Filmpalette, Odeon, OFF Broadway, Weisshaus) von Gerald Kerkletz in ästhetischen Schwarz-Weiß-Bildern einfangen lassen, in denen der Entbehrungsreichtum jener Zeit gleichwohl auf überzeugende Weise dargestellt werden konnte. In zahlreichen Sequenzen wird das harte körperliche Leben dieser Epoche auf naturalistische Weise greifbar gemacht. Zwischendurch gibt es immer wieder emotional aufgeladene Szenen, in denen der Alltag zwischen den Protagonistinnen eingefangen wird. Grundlage für „Rose“ waren etliche verbürgte Vorkommnisse aus der Vergangenheit, die der Regisseur auf wirkungsvolle Weise in einer exemplarischen Geschichte verdichtete. Sandra Hüller dominiert in jeder Einstellung diesen faszinierenden und spannenden Film, kann auch als burschikose und zupackende Figur uneingeschränkt überzeugen. „Rose“ thematisiert dann auch auf fast beiläufige Weise soziale Gegebenheiten der Zeit, die das Verhalten von Menschen wie Rose erklären und auch in unserer Gegenwart noch nichts von ihrer Dringlichkeit und Wichtigkeit eingebüßt haben.
Als „Sweatshops“ werden Fabrikationsstätten, meistens in Entwicklungsländern, bezeichnet, in denen Menschen unter unwürdigen Bedingungen für wenig Geld arbeiten. Daisy (Lili Reinhart) arbeitet jedoch als Content-Moderatorin in einem modernen Tech-Betrieb irgendwo in den USA, um Gewaltvideos zu sichten und zu löschen. Eines Tages sieht sie ein Pornovideo, in dem eine Frau äußerst brutal von einem Mann mit Hammer und Nagel traktiert wird. Sie löscht das Video, aber die schrecklichen Bilder gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Daisy wird besessen von dem Gedanken, etwas tun zu müssen – den Mann in dem Video zu finden und zur Rede zu stellen. Genau dahin will Uta Briesewitz in ihrem Spielfilmdebüt als Regisseurin unseren Blick lenken: Welche Bewältigungsmechanismen müssen wir im Umgang mit den sozialen Medien entwickeln, und wer schützt uns? Meist sind es junge Menschen wie Daisy, die glauben, einen normalen Einstiegsjob in der Techbranche gefunden zu haben – sie ahnen nicht, dass sie täglich den brutalsten und verstörendsten Bilder und Videos ausgesetzt sein werden. „American Sweatshop“ (Cinedom, UCI) setzt sich spannend mit dem Verhältnis von moralischer Verantwortung, persönlichem Trauma und der grenzenlosen Grausamkeit des digitalen Zeitalters auseinander.
Die weiteren Neustarts der Woche finden Sie unter: Neu im Kino.
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