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Das Florian Ross Quintett eröffnet den Winterjazz
Foto: Gerhard Richter

Take Eight

14. Januar 2019

Winterjazz-Festival geht in die achte Runde – Festival 01/19

Das Jahr 2019 ist erst wenige Tage alt und hatte für Jazzfans am Samstag bereits einen Höhepunkt zu bieten: Zum achten Mal wurde auf dem Winterjazz Festival in und um den Stadtgarten auf fünf Bühnen ein Querschnitt durch die Kölner Jazzszene präsentiert.

Das Programm erinnert entfernt an ein Notenblatt. Wie Melodiereigen schlängeln sich die Konzerte durch den Zeitplan und die Lokalitäten – mal harmonisch aufeinander abgestimmt, mal kontrastreich, mal im Gleichklang, mal zeitlich versetzt. Als Erstbesucher ist man versucht, Ordnung in das Chaos zu bringen, sich einen Weg durch den Abend zurechtzulegen, auf dem jedem Interpreten zumindest kurz gelauscht werden kann. Verließe man den Saal nach etwa zwei Songs, könnte man nach einem kurzen Abstecher ins Zimmermann’s für ein oder zwei Stücke in die Umleitung und wäre dann gerade noch rechtzeitig, um… Nein, so will das Festival sicher nicht genossen werden. Die Veteranen wissen das bereits: Fragt man umher, lautet die einhellige Antwort auf die bestmögliche Abendplanung, man solle „sich treiben lassen“, einfach „improvisieren“. Also löst man den Blick vom Blatt und gibt sich erst zaghaft, dann immer forscher dem Treiben hin.

Nachdem der Saal eine halbe Stunde von Stimmengewirr erfüllt war, aus dem lediglich ein paar zerbrochene Weingläser herausstachen, treten die zwei Moderatorinnen auf und Stille kehrt ein. Von den offenen Strukturen des Jazz hangelt man sich über ein offenes Verständnis von Jazz zu einer Bitte um Offenheit in Kultur und Politik. Dann treten die Musiker auf. Dieses Jahr wird das Festival vom Florian Ross Quintett eröffnet. Gut 40 Minuten lang spielt die Gruppe aus Ross‘ neuestem Projekt „Swallows and Swans“ und von der ersten Minute an ist das Publikum gebannt. Die „songhaften“ Kompositionen sind im besten Sinne eingängig, melodisch und leicht verdaulich, ohne dabei an Komplexität zu verlieren, wodurch sowohl Einsteiger als auch Kenner auf ihre Kosten kommen. Atmosphärisch sind die Stücke irgendwo zwischen winterlicher Melancholie und frühjährlichem Optimismus anzusiedeln; könnten mit einer leuchtenden Laterne zwischen kargen Ästen im abendlichen Schneegestöber bebildert werden. Veronika Morschers glasklarer Gesang und Matthew Halpins stellenweise raues Spiel am Saxophon tänzeln umeinander, bilden zwei Hälften eines Ganzen und stechen aus der Instrumentalisierung am meisten hervor. Aber natürlich glänzen auch Florian Ross am Piano und David Helm am Bass – vor allem in ihren Soli.


Fabian Arends, Foto: Gerhard Richter

Der Underdog des Auftritts ist ganz klar Fabian Arends an den Drums, der so ziemlich alles tut, außer einen einfachen Takt vorzugeben, und damit durchgängig unglaublich interessante Akzente setzt. Zum Ende des Auftritts werden Tempo und Komplexität noch einmal angehoben: Ross rät jenen, die „Angst vor Jazz“ haben, jetzt den Saal zu verlassen. Doch auch wenn Akkordwechsel und Improvisationen eine Spur wilder ausfallen, bleibt das Stück eher vorsichtig und wird wohl niemanden sonderlich erschreckt haben.

Kaum ist der Auftritt vorüber, heißt es Abschied nehmen: Jenen Sitzplatz, mit dem man die vergangene Dreiviertelstunde so eng verbunden war, wird man nämlich nicht wieder zu Gesicht bekommen. Ich stehe auf und bahne mir durch die stehende und hereinströmende Menschenmasse einen Weg nach draußen. Meine Sitznachbarin, die bisher mit dem Treppenabsatz Vorlieb nehmen musste, freut sich darüber. Aus dem Restaurant höre ich die letzten Laute der unkonventionellen Genremixtur des Rouzbeh Asgarian Quintetts, das Jazz mit rockigen E-Gitarren und persischen Instrumenten zu einem besonderen Hörerlebnis kombiniert. Das macht Laune und ist einzigartig – mich treibt es jedoch an die frische Luft. „In der Umleitung ist noch viel Platz“, rät man mir und einigen anderen Umhertreibenden auf der Straße.

Einer anderen Eingebung folgend, lande ich allerdings im Zimmermann’s, in dem kein Platz mehr ist. Als Nachzögling schafft man es hier kaum weiter als an das Ende des schlauchartigen Kellerraums oder die halbkreisförmige Aussparung im Boden des Erdgeschosses darüber. Was Sven Decker, Heidi Bayer, Conrad Noll und Jo Beyer als Juli Quartett dort auf die Beine stellen, dringt nur schwach an meine Ohren. Was ich ausmachen kann, klingt versiert, experimentell und temporeich und klänge von einem guten Platz aus sicherlich um einiges besser


Tamara Lukasheva und Lucas Leidinger, Foto: Leo Lemke

Durch die beschlagenen Fenster der Umleitung erspähe ich von Weihnachtsdeko beschienene Rücken, eng an eng. Auch hier ist mittlerweile nur noch wenig Platz. Mit ein wenig Geduld schaffe ich es zwischen Menschen und Stehtischen hindurch, der ein oder anderen Bierpalette ausweichend, einen Platz auf dem Boden vor der Bühne zu ergattern. Und dort werde ich verzaubert: Sängerin Tamara Lukasheva aus der Ukraine und Pianist Lucas Leidinger aus Köln am Keyboard entführen ihr Publikum in verträumt sphärische Klangwelten und lassen es bis zum Ende der letzten Eigenkomposition nicht mehr gehen. Besonders gut gefällt mir das Stück ohne Namen, vor dem Lukasheva das Publikum aufruft, Vorschläge zu machen. Hier wechseln sich schwere Stimmungen mit schnellen, funky Melodien, Piano- mit Vocal-Jazz-Soli ab, während Lukasheva wieder und wieder auf ein geflüstertes Pfeifen zurückgreift. Ein einigermaßen pfiffiges Wortspiel will mir erst am Ende des Auftritts einfallen: Will’o-the-Whistle. Funky Butterfly traf jedoch auf weitaus größere Zustimmung.


Christian Ramond, Foto: Leo Lemke

Im Saal muss mittlerweile der Andrang der Massen durch eine Türsteherin reguliert werden. Man wird kurz dazu hingerissen, seinem Sitzplatz nachzutrauern, doch das Thomas Rückert Trio macht Raum und Zeit bald vergessen. Ohne großes Spektakel weben Rückert am Piano, Christian Ramond am Bass und Fabian Arends einen subtilen, nuancierten Klangteppich, der mich in seiner Intensität so vereinnahmt, dass ich es kaum glauben kann, als Rückert das letzte Stück ankündigt.

Beim Verlassen des Saales lockt mich das musikalische Kontrastprogramm von Pulsar Tales ins Restaurant. Das offene Verständnis von Jazz aus der Eröffnungsrede findet sich wohl nirgends so sehr wie hier wieder: Pulsar Tales kompromisslos dem Jazz oder irgendeiner anderen Stilrichtung zuzuordnen ist praktisch unmöglich. Die Gruppe rockt genauso wie sie groovt, klingt mal nach Pop, mal nach Punk und hat dabei großen Spaß. Martin Lüdicke am Keyboard, Katharina Wolf am Bass und Lukas Schäfer an den Drums gehen aufgrund der Soundabmischung und der hohen Gesprächslautstärke des Lokals leider hinter ihrer charismatischen Leadsängerin Taya Chernyshova etwas unter.


Sebastian Scobel, Foto: Gerhard Richter

Die letzten zwei Konzerte starten zeitgleich: Sebastian Scobel spielt Solo-Piano im Saal, während Monophonist mit einem Punk-Hardcore-Rock’n’Roll-Jazz-Hybriden im Restaurant etwas andere Töne anschlagen. Da ich mir im Voraus sagen ließ, dass das Winterjazz traditionell mit einem Piano-Konzert abgeschlossen wird, entscheide ich mich für ersteres. Im Saal bleibt nun kein Fleck mehr ungenutzt. Kein Gang, kein Sitz, keine Treppenstufe wird nicht von Publikum bevölkert. Ich für meinen Teil lasse mich mit einem Dutzend anderer Zuhörer auf dem Boden hinter dem Pianisten nieder. Spätestens als sich ein Vater vor mir mit seinen zwei übermüdeten kleinen Söhnen hinlegt, entsteht trotz der Größe des Raums und der Vielzahl an Menschen eine gemütliche, fast intime Atmosphäre. Scobel lässt sich nicht anmerken, dass er eigentlich nur als Teil von Ensembles spielt. Stattdessen beherrscht er den Raum von der ersten angeschlagenen Taste an, als hätte er nie etwas anderes getan. Die romantisch-verträumten Melodien entwickeln dabei trotz federleichter Spielweise eine ungemeine Wucht, die den Abend kaum besser hätten abschließen können. Einziger Wermutstropfen waren die dumpfen E-Bass und Gitarrenklänge, die aus dem Restaurant ihren Weg in den Saal fanden. So neugierig mich der völlig andere Ansatz von Monophonist auch gemacht hatte – in dieser Form hätte ich darauf verzichten können.

Schließlich findet mit Scobels Konzert auch meine knapp fünfstündige Improvisation ihr Ende. Als ich den Stadtgarten verlasse, hallen die großartigen neuen musikalischen Eindrücke noch in meinem Kopf nach – und ich frage mich schon jetzt, was der Winterjazz nächstes Jahr bringen wird.

Leo Lemke

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