Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
22 23 24 25 26 27 28
29 30 1 2 3 4 5

12.662 Beiträge zu
3.877 Filmen im Forum

Eva Menasse
Foto: Jörg Steinmetz

Das große Schweigen

08. Dezember 2021

„Dunkelblum“ von Eva Menasse – Wortwahl 12/21

Dass ihr Heimatland sich nur unzureichend mit seinerVerwicklung mit dem Faschismus auseinandergesetzt hat, so lautete der Vorwurf vieler österreichischer Schriftsteller. ProminenteStimmen wie Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek wurden angesichts ihrer scharfen Kritik gar als „Nestbeschmutzer“ gebrandmarkt. Letztere verfasste mit ihrem Drama „Rechnitz“ eine scharfe Abrechnung über ein verübtes Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern im Burgenland, das kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen stattfand. Nun nimmt sich Eva Menasse das gleichnamige Dorf zum Vorbild und entwirft ein Gleichnis.

Das fiktionalisierte Rechnitz nennt sie „Dunkelblum“. Auch dort verdrängt die Gemeinde – bewusst oder teilbewusst – das Schreckgespenst des Holocaust und der begangenen Abscheulichkeiten nur zu gern, bis ein rätselhafter Besucher, ein am Stadtrand ausgegrabenes Skelett und das Verschwinden einer jungen Frau die Dunkelblumer mit ihrer Bigotterie konfrontiert.

Schon der Titel des Romans deutet auf eine übertünchte Vergangenheit hin, die hier nun unheilvolle Knospen ausbildet – auch, weil sich die Gegenwart in Erscheinung diverser Probleme unvermittelt aufdrängt. Doch so grunddüster die eigentliche Thematik auch sein mag, Eva Menasse lässt mittels ihrer dezentralisierten Erzählweise nicht nur wie durch ein Kaleidoskop auf die vielen Gestalten und tief in deren Seelen blicken, sie schildert die Geschehnisse auch mit reichlich Sarkasmus und lustvollem Detailreichtum.

Vordergründig wird oft heiter getratscht (übrigens in waschechtem Austriazismus), hinterrücks jedoch gemunkelt und gegeneinander intrigiert. Somit beschreibt Eva Menasse nicht nur schlecht verheilte Narben und vergangen geglaubte Sünden, sondern entwirft auch ein Geflecht politischer, vetternwirtschaftlicher Intrigen, das angesichts so manch jüngerer Farce brandaktuell wirkt. Umso erdrückender ist dabei das eigentliche große Schweigen um die Schuld, deren Fäulnis die Autorin gekonnt aus der Erde ins Gewissen ihrer Dunkelblumer kriechen lässt.

Die NS-Verbrechen sind bis heute nicht restlos aufgeklärt, zahllose Massengräber noch immer unentdeckt. Insofern erscheint der ins offene Ungewisse deutende Schlusssatz dieses spannenden, raffiniert konstruierten Romans mehr als folgerichtig: „Das ist nicht das Ende der Geschichte.“

Eva Menasse: Dunkelblum | Kiepenheuer & Witsch Verlag | 524 S. | 25 €

NATHAN BROHAMMER

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Supergirl

Lesen Sie dazu auch:

Letzter Tanz?
Ewald Arenz liest in Leverkusen

Ein Schlückchen Weihwasser
Lisa Roy liest in Bonn

Vom Bodensee bis nach Mexiko
Lea Pelzer liest im Literaturhaus Köln

Kölner Klangkunst
Die Hörspielwiese im Stadtgarten

USA/ Turtle Island
Lesung in der Stadtbibliothek Köln

Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26

Tinder, Kinder, Patriarchat
Yade Yasemin Önder liest in Köln

Zwischen Erinnerung und Widerspruch
Lesestunde zu Christa Wolf im Buchladen Sülzburgstraße – Literatur 06/26

Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26

Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26

Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26

Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26

Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26

Drei Stimmen, drei Türen zur Lyrik
7. Ausgabe des Festivals Anderland in der Stadtbibliothek – Lesung 05/26

Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26

Literatur.