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Eleni Sikelianos (l.) aus den USA im Gespräch mit Kuratorin Monika Rinck
Foto: Mario Müller

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10. Januar 2017

Auftakt des „Festival für Weltliteratur“ Poetica III an der Universität – Literatur 01/17

„From Blues to Soul“: Mit Blick auf das letztjährige Poetica-Thema „Blue Notes“ gibt Prof. Heinrich Detering von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dieser eigenen Überschrift die Richtung vor: Es geht um die Seele. Die dritte Poetica-Ausgabe bringt wieder Weltliteratur nach Köln. Die Gäste werden am Eröffnungsabend in der Aula der Universität vorgestellt.

Detering hält zur Hälfte des Abends einen von zwei als „Minima Poetica“ bezeichneten Kurzvorträgen. Diese unterhaltsamen Ausflüge in die Literaturwissenschaft stellen quasi die Verbindung her zwischen der Universität und den geladenen Gästen. In den Mittelpunkt rückt er den aktuellen Nobelpreisträger Bob Dylan und seinen eher unbekannten experimentellen Gedichtband „Tarantula“.

Günter Blamberger dagegen, als Leiter des Internationalen Kollegs Morphomata so etwas wie der Veranstalter der Poetica, erkennt die Seele auch an der Universität. Er sieht es als „Beseelung“ an, dass die Stimmen von Lebenden und Toten hier täglich in den Hörsälen und Seminarräumen lebendig gehalten würden. Neben der TransLit-Professur ist die Poetica die zweite große Veranstaltung der Universität, die in jüngster Zeit regelmäßig Schriftsteller nach Köln lockt und damit die Literaturszene der Stadt maßgeblich bereichert.

Kuratorin der diesjährigen Poetica mit dem Thema „Die Seele und ihre Sprachen“ ist die Essayistin und Dichterin Monika Rinck. Sie führt auch durch den Abend und stellt die eingeladenen Künstler vor. Die Auftaktveranstaltung ist traditionell auch eine Vorstellung der Autoren. Nach einer kurzen Lesung folgt jeweils ein Gespräch mit Rinck, die allerdings bei zehn Autoren für kaum mehr als zwei Fragen Zeit hat.

Es ist ein Einblick in das weite Thema, in ganz unterschiedliche Schreibstile und auch Gattungen, der den zahlreichen Zuschauern an diesem Abend geboten wird. Da sind Gedichte zu hören, Ausschnitte aus Romanen, aber auch aus politischen Essays. Sogar eine szenische Lesung ist zu erleben: Angelika Meier hat eine moderne, in Malibu angesiedelte Fassung von Kleists „Penthesilea“ mitgebracht, die sie gemeinsam mit Schauspieler und Musiker vorträgt. Und die Poetica bietet natürlich auch, was man von einem „Festival der Weltliteratur“ erwartet: fremdsprachige Gedichte, von ihren Schöpfern vorgetragen.

So liest die Israelin Zeruya Shalev aus ihrem (älteren) Band „Späte Familie“. Eine Frau trennt sich plötzlich von ihrem Mann, was sie auch seelisch ins Ungleichgewicht stürzt. „Am Ende müsst ihr feststellen, dass ihr nichts habt – nur eine kranke Seele.“ Die Protagonistin von Shalevs aktuellem Roman „Schmerz“ wurde durch einen Selbstmordattentäter verletzt. Das Werk wird Gegenstand einer Veranstaltung mit Gila Lustiger sein (Dienstag, 19 Uhr, Wallraf-Richartz-Museum). Lustiger, eine in Paris lebende deutsche Schriftstellerin, hat sich als Reaktion auf das Bataclan-Attentat in die Klassiker der Literatur vertieft. Entstanden ist dann das Essay „Erschütterungen über den Terror“ – auch aus einem ganz unbefriedigenden Gefühl beim „Verfolgen der Live-Ticker“ heraus.

Dass man bei dieser Poetica um aktuelle politische und gesellschaftliche Themen nicht herum kommt, wird bei der Eröffnung mehrfach deutlich. Bereits die Rede des Universitätsrektors Prof. Axel Freimuth deutet das an. „Die Seele hat viele Sprachen“, sagt er, und verbindet mit der Poetica auch die Hoffnung auf das Verständnis anderer Seelen, „gerade in Zeiten des zunehmenden Nationalismus“.

Ein Höhepunkt des Programms verspricht der Abend „Am Randstrich der Seele“ zu werden (Donnerstag, 20 Uhr, Stadtbibliothek). Teilnehmen wird neben Angelika Meier die mexikanische Dichterin Maricela Guerrero, die bei der Eröffnung einen begeisternden Auftritt zeigte. In ihrem skurril-komischen Gedicht bekommt die lyrische Erzählerin unter anderem eine ärztliche Diagnose, sich in einen Kugelfisch verwandelt zu haben. Daneben sind der chilenische Schriftsteller Javier Bello zu erleben sowie der mongolische Schriftsteller und Schamane Gulsan Tschinag. „Ich sehe mich selbst als Aufklärer“, sagt der so weit gereiste Mann, der seit einem Germanistik-Studium in Leipzig hauptsächlich auf Deutsch schreibt. Er beschreibt sich als Anhänger der westlichen Aufklärung und der östlichen Weisheit. In der industriellen Welt treffe er viele „leere Menschen“. Trotz eines sehr kurzen Auftritts hinterlässt er dennoch einen bleibenden Eindruck. Die Vielfalt der vorgestellten Werke beeindruckt an diesem Abend und lässt als kleiner Vorgeschmack eine spannende Woche erwarten.

Poetica 3. Festival für Weltliteratur | 9.1.-14.1. | div. Orte | www.poetica.uni-koeln.de/poetica-3/programm/

Mario Müller

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