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Foto: DuMont Buchverlag

Stark sein, Opfer sein

05. Januar 2022

Mieko Kawakami fasziniert mit sanfter Radikalität – Textwelten 01/22

Er schielt auf einem Auge und wird in der Schule gemobbt. Einen Namen hat der Erzähler in Mieko Kawakamis Roman „Heaven“ nicht. Seine Einsamkeit scheint unendlich, bis er an seinem Sitzplatz im Klassenzimmer eine Nachricht vorfindet. Zunächst glaubt er, dass dies eine neue, besonders perfide Schikane seiner Peiniger sei. Doch es zeigt sich, dass die Nachrichten von seiner Klassenkameradin Kojima stammen, die ihrerseits von den Mädchen tyrannisiert wird. Das perfekte Sujet für einen Jugendroman. Erst jetzt erscheint „Heaven“ hierzulande, in makelloser Übersetzung von Katja Busson.

Obwohl die Protagonisten Heranwachsende sind, handelt es sich nicht um Jugendliteratur. Zu grausam lesen sich die sadistischen Qualen, denen der Junge ausgesetzt ist. Beim „Menschenfußball“ wird er um ein Haar totgetreten. Vor allem jedoch verwandelt sich der Held nicht vom Gepeinigten zum Helden, wenn der Roman auch eine Entwicklungsgeschichte nachvollzieht. Zunächst scheint der Skandal einfach darin zu bestehen, dass der Junge seine Qualen wehrlos hinnimmt. Dann erklärt ihm Kojima, dass sich in dem klaglosen Leiden, das jeder von ihnen erträgt, eine besondere Stärke verberge, die sie nicht zu Opfern degradiere. Plötzlich ist eine Haltung formuliert und der Junge beginnt erstmals aufzubegehren. Mieko Kawakami beschreibt solche Wandlungen in einem derartig beiläufigen Ton, dass nicht einmal eine Ahnung von Pathos aufkommt, obwohl das Sujet an die Leiden christlicher Heiliger erinnert.

Als ihm einer seiner Peiniger erklärt, dass die Frage, ob ihm nun Recht oder Unrecht geschehe, niemanden interessiert, sondern in der Gesellschaft Jeder dem nachgibt, wonach ihm gerade sei, ist der 2009 geschriebene Roman in der Gegenwart angekommen. Der Firnis der allgemeinen Moral ist spröde geworden. Jene Gewalt, die man in der Öffentlichkeit verurteilt, schaut man sich zu Hause genüsslich im Netz an. Mieko Kawakami macht vor keinem Tabu halt – so fragt sie, wie weit der Wunsch nach unverwechselbarer Identität geht. Sollte sich der schielende Junge der Operation unterziehen, die ihm vom Arzt vorgeschlagen wird? Dann würde er das Merkmal verlieren, das ihn unverwechselbar macht. Spannend bleibt der Roman jedenfalls bis zur letzten Seite.

Mieko Kawakami: Heaven | Aus dem Japanischen von Katja Busson | DuMont Buchverlag | 192 S. | 22 €

Thomas Linden

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