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Marsimoto im Palladium
Foto: Marielena Wolff

Es grünt so grün

26. Februar 2019

Marsimoto im Palladium – Konzert 03/19

Am 15. Februar kam das cannabinoide Alter Ego vom Rostocker Rapper Marteria alias Marten Laciny ins Palladium. Ein Exkurs über Qualität, Fleisch und Freundschaft und die Frage: Was ist denn mit der Hochkultur?

Immer wieder ist es interessant, worüber geschrieben werden „darf“ und worüber nicht. Das hängt davon ab, was als qualitativ wertig genug erachtet wird und was in die Kommerz-Tonne gekloppt wird. „Das ist musikalisch doch unterhalb eures Niveaus oder? Aber man kann ja trotzdem intelligent aus dem deutschen Hip-Hop-Bereich berichten“, sagt mir Konzertbesucher Jules, als ich ihm erzähle, dass ich für choices über Marsimoto schreibe. Ähm, ja klar!

Nun denn – hier der Versuch: Fünf Sinne hat der Mensch, fünf Platten Marsimoto. Die Sinne vernebelnd, aber auch sinngebend gibt sich „Verde“, das fünfte Kind, das mit einem zerbrochenen Gewehr auf dem Cover um die Ecke kommt. Seit 2006 hat Marten Laciny konstant, sauber und stets mit eigenem Stil abgeliefert. Als Marteria und als Marsimoto. Mal episch auf die alles umwerfende Schönheit dieser Welt deutend wie in Michelangelos „Die Erschaffung Adams“:

„Denn wir leben auf einem blauen Planet
Der sich um einen Feuerball dreht
Mit ‘nem Mond, der die Meere bewegt
Und du glaubst nicht an Wunder?“

Dann wieder rough, satt und weird:

„Hast du Angst, vor deinem Verstand?
Dass er dir irgendwann mal sagt: ‚Ich glaube, du bist krank‘?
Und die Kontrolle deines Körpers übernimmt,
er dir drei Finger zeigt und du antwortest mit ‚Fünf‘.
Hast du Angst?“

Foto: Paul Ribke

Gerne und reichlich spickt er seine Tracks mit Querverweisen und Zitaten aller Art und ist um keinen lit-en Flachwitz verlegen. Der Erfolg küsst ihm die Hand und beschert Gold und Platin. „Dieses über Geschmack streiten, kotzt mich an“, sagt Eva. Es ist ihr zweites Konzert. „Ich glaube, der bläst gleich einfach alles weg“, sagt sie und umfasst sicherheitshalber schon mal die Absperrungsbarriere in der ersten Reihe.

Green Berlin ist zu Gast. Seit der Legalisierung von Cannabis als medizinischem Produkt im März 2017 vertrieb Cannamedical, ein Kölner Start-up, im ersten Geschäftsjahr 300 Kilogramm medizinisches Cannabis, was einem Umsatz von 2,2 Millionen Euro entspricht. Besonders im Bereich der Schmerz- und Krebstherapie wird Cannabis aus staatlich kontrolliertem Anbau eingesetzt. Noch ist die Nachfrage größer als das Angebot. „Ein Bekannter von mir geht mit dem Rezept nach Hürth in die Apotheke“, sagt Stefan, Student der Neurowissenschaften und Biomechanik, zieht an seinem Joint und lächelt. Green Cologne.

„Köln ist einfach geil“, sagt Marten Laciny, kurz bevor das Konzert losgeht. Es gibt eine spezielle Verbindung des Rappers mit der Domstadt. Und das ist zum einen die Freundschaft zur Kölner Sport- & Spaßmannschaft – dem Team Rhythmusgymnastik. Dieses steht seit 2006 für feucht-fröhliche Fun-Feiertiraden, stets mit liebevoller Publikumseinbindung und vollem Körpereinsatz. Hier mischen sich Tradition und Trash wie Eierlikör mit Flimm.

Kannste trinken. Schmeckt komisch.

Und ja, das sind sie: wahrhaftig komische Komiker, die mit Leib und Seele unterhalten – bis einer weint. Niveaulos oder einfach sehr locker? „Ich war da, als Marteria plötzlich beim Karnevalssport der RG war. Und klar, die Rhythmus-Jungs sind echt schmerzfrei. Das tut gut! Das ist doch auch der Kern von Karneval, oder?“, schreit mir Marla ins Ohr, als die ersten Basslines von Marsimoto durch die Halle rollen. Das Team Rhythmusgymnastik, bestehend aus dem gerne oft barbäuchigen Bleibtreuboy, DJ Powerfun und Flimmy Hendrikxxx plus Crew, schaut natürlich auch zu, als das Palladium in neongrün v/erstrahlt. Zum Team Rhythmusgymnastik gehört irgendwie auch Harry. Er schaut von der VIP-Empore auf die Bühne. Sitzt als Schwergewicht auf seinem Rollator. „Ich war auch im Ostseestadion bei Marteria! Das ist für mich keine Selbstverständlichkeit, überall hiermit hinzukommen“, sagt Harry und deutet auf sein stützendes Gefährt. „Das war großartig!“ Aber Marteria ist nun mal nicht Marsimoto. Marsi vollzieht eine grüßende Grätsche zwischen vermeintlichen Gegensätzen. Hoch synthetische Stimme mit viel menschlicher Melancholie wie bei „Uwe“.

„All' deine Freunde, alle haben's geschafft.
Für 'nen Träumer wie dich gab's leider kein'n Platz“.

Er ist ein in Boxermantel gehülltes Alien, das gemächlich den Joint zwischen den Fingern rollt und im nächsten Moment alles zerschmetternd über die Bühne stürmt. Entspannt unter Strom. Das maskierte Alien kritisiert die Gesellschaft – von einem guten Ort her. Keine „Stirb, du Hurensohn“-Attitüde, „denn du hast die Welt kaputt gemacht“, sondern eher eine Hilfestellung zur Sichtweise, dass die Vögel und Wale halt – noch – singen. Weltwertschätzungsmanöver wie in „Chicken Terror“. Da leiht Marsi seine Stimme einem Huhn und klagt an:

„Seit der Geburt ist der Zustand des Gegenteils vom Leben erreicht.
Sie sehen nur das Fleisch, alles dreht sich im Kreis.
Wir stehen zusammen, sind Millionen, alles verdreckt.
Maschinen kreischen laut, haben Angst, wollen hier weg.“

Diesen Track feiert auch Thomas Müller. Die meisten hier kennen ihn eher als den Fleischbotschafter. Anständiges Fleisch ist sein Gemüse. Auch er gehört irgendwie dazu. Zur Crew. Zwar rappt oder beatboxt er nicht, aber er serviert stets so fresh wie eine zarte Punchline das Beste vom Besten vom glücklichen Tier. Und das nicht nur für die vom Gras hungrigen Musiker der Marsimoto-Crew.

Als Marsi im Dezember auf der Boarderweek in Frankreich in den schneeverflockten Himmel rappte und Schneebälle auf die Bühne flogen, versorgte der Fleischbotschafter die bouncende Konzert-Menge wie eine Mutter mit Fleisch. Er reichte – frisch vom Beefer, einem speziellen Oberhitzegrill – zartes Fleisch der Omakuh (Txogitxu), das in den Mündern der Fans schmolz. Boef im Maul und Beats in den Beinen. Ma Ma Marsi zeigt vollen Einsatz für die Fans. Vielleicht sogar das weltweit erste live befleischte Konzert? Auf jeden Fall mit 2300 Höhenmetern der höchste Ort an dem der Fleischbotschafter mit dem Beefer bisher gegrillt hat.

„Mein Fleisch ist besser als ‚bio‘. Die meisten Fleischexperten essen wesentlich besser aufgezogenes, wesentlich besser ernährtes und wesentlich artgerechter gehaltenes Fleisch als ‚bio‘ das erfordert.“

Im Palladium liegt heute leider kein Fleischduft in der Luft, dafür wabern selig die Weedwolken durch die Halle als Pete Boateng op Kölsch die Menge ansticht wie eine Dose Früh. In der Sekunde, in der Marsi die Bühne betritt, ist die Energie Highway. Eine große Maske schwebt über allem und neben Marsi musizieren seine in Kapuzen und Masken gehüllten Musiker-Schergen. Laser rasieren die Menge. Eine zweistündige Show mit visuell entrückenden Visuals und Kostümwechseln vom Huhn bis zum Indianer stimuliert wie eine Gehirnmassage.

Als am Ende „Solange die Vögel zwitschern gibt’s Musik“ ertönt und Feuerzeuge das Palladium wie Glühwürmchen erhellen, denke ich mir: Solange die Vögel vögeln, gibt es Vögel … und Musik. Laut denken, was man denkt, ungeachtet dessen, ob die Aussage High-Culture ist, auf den Catwalk der feinen Künste darf. Am Ende ist alles Geschmackssache, egal ob beim Weed, dem Steak oder der Textzeile.

„Und Geschmack ist...?“

„Rassistisch“, vervollständigt Pete Boateng den Satz mit einem Smile. Klar, muss nicht zwingend jeder Flachwitz das Licht der Welt erblicken und muss nicht jedes Mainstream-Konzert von uns besprochen werden, aber vielleicht darf man gerade vor Karneval auch mal dem Kultur-Nazitum eine rote Nase malen. Oder dem Nazi das Weed reichen. Oder fünfe verde sein lassen.

Marielena Wolff

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