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Helge Timmerberg am 31. März im Alten Pfandhaus
Foto: Felix Tschon

Ein wildes Leben

06. April 2017

Helge Timmerberg erzählt im Alten Pfandhaus – Literatur 04/17

„Es ist natürlich blöd, wenn du plötzlich tot bist“, sagt Helge Timmerberg. Wenn du es dann bereust würdest, Gewisses nicht getan zu haben. Er sei schon ein paar Mal nochmal davongekommen. Am Amazonas zum Beispiel, als er dem schwarzen Jaguar auf einer Lehmstraße mitten im Regenwald ins Auge blickte, dem dort gefürchtetsten Tier. „Das kann ich auch verstehen“, äußert der Schriftsteller, Journalist, Reisende. Die Raubkatze erlege ihre Beute schließlich am liebsten durch das Zerknacken des Schädels. Bei der ersten Begegnung kam Timmerberg – der weltweit am liebsten Tim genannt wird, weil bei Helge zu oft Helga herauskomme – ohne eine nähere Auseinandersetzung mit dem Jaguar davon. Bei der zweiten habe der Regenwaldkönig ihn und zwei Kumpanen stundenlang angefaucht, er zeitgleich gelobt, im unwahrscheinlichen Überlebensfall alles anders zu machen. „Ich habe einfach genauso weitergelebt wie vorher.“

Eigentlich ist Tim in die Kölner Südstadt gekommen, um seine Autobiografie vorzustellen. Mehr als 150 Menschen taten es ihm gleich, jeder Platz im Alten Pfandhaus ist besetzt. Es geht aber um schwer im Magen liegende Falafel, um die Evolution der Krokodile und um einen See, in dem eben jene verweilten. „Da kannst du schwimmen, aber du musst vorher Steine werfen, damit sie verschwinden“, habe ihm ein Goldsucher geraten. Geschwommen sei er nicht, ein Stein aber Richtung Wasser geflogen. „Das steht alles nicht in diesem Buch“, sagt der mittlerweile 65-Jährige und nimmt „Die rote Olivetti“ in die Hand. Am Freitagabend erzählt er lieber. Für die Zuhörer, die sogar auf den nicht gepolsterten Stufen verweilen, fühlt sich der Abend wie ein Gespräch an, in dem die Geschichten des einen Partners wirklich hörenswert sind. Tim zeigt, dass er nicht nur Meister des geschriebenen Erzählens ist. Bevor er eine Pause macht, hat er nur wenige Sätze gelesen, insgesamt nicht eine Seite umgeblättert.


Helge Timmerbergs neues Buch „Die Straßen der Lebenden“ erscheint im Herbst, Foto: Frank Zauritz

Mit einem Pinnchen Tequila kommt er aus der Unterbrechung, während der er gemeinsam mit einigen Besuchern eine Zigarette vor der Tür geraucht hat. Ohne Auszuschweifen setzt er das Ausschweifen umgehend fort. „Um wieder zurückzukommen zum Thema“, beginnt der Erzähler, und es geht um „Hey Joe“ in den Halbhöhlen des jugoslawischen Dubrovnik. Dann bedient sich Tim auch der Gitarre, die bereits die ganze Zeit neben ihm steht. „Was jetzt noch fehlt sind die Worte“, singt er im selbstgeschriebenen ersten Lied. „There is a house in New Orleans“, im zweiten.

Anschließend wendet sich der Schreiber, der unter anderem schon für Tempo, Stern, Wiener, Playboy und Bunte im Einsatz war, doch wieder der roten Olivetti zu. „Ich bin immer noch beim ersten Kapitel. Also, das wird schon ein bisschen länger heute“, schmunzelt er. Knapp zwei Stunden sitzt er da schon dort, die Lesebrille liegt fast genauso lange vor ihm. Und dann erzählt er. Dinge, die nicht im Buch stehen, und Dinge, die im Buch stehen. Wie er, inspiriert durch Hermann Hesses „Siddhartha“ in den Himalaya zog. Wie ihm eine innere Stimme während der Meditation in einem indischen Ashram sagte, dass er nach Hause gehen solle. Dass er Journalist werden solle.

Seiner Autobiografie widmet sich Tim dann nicht mehr. „Ich würde gerne mal etwas völlig Neues vorlesen“, sagt er, als sich der Abend dem Ende zuneigt. Der Mann, der das Universum nach eigenen Angaben mal auf einen Streichholzbrief zeichnete, klappt sein Macbook auf und zieht die Brille an. Er liest Kapitel eins aus seinem neuen Werk „Die Straßen der Lebenden“, das im Herbst erscheinen soll. Es geht um Barcelona, ein aufrichtiges Dankeschön und ein 35-Euro-Zimmer in einem sternlosen Hotel – alles in allem aber um nicht mehr und nicht weniger als das Ziel aller Reisen. Was er vorliest, habe ihn sehr berührt. In Katalonien sei ihm etwas eingefallen, was ihm immer wieder einfalle. „Scheiße, ich lebe“, sagt er. Das sei das größte vorstellbare Geschenk. Statistisch blieben ihm noch etwa 5000 Tage; für den Wimpernschlag der Zeit, den er erleben durfte, sei er zutiefst dankbar. „Damit möchte ich Sie entlassen – egal, wie Sie jetzt drauf sind“, verabschiedet sich Tim. „Sie gehen auf den Straßen der Lebenden.“

Helge Timmerberg: Die rote Olivetti. Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaja | Piper | 240 S. | 10 €

 

Felix Tschon

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