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Bill Laurance in der Kölner Philharmonie, wo er am 8.3. ein Konzert gibt
Foto: Ann-Christin Bloch

„Es ist die totale kreative Freiheit“

27. Februar 2019

Bill Laurance auf Solo-Tour – Interview 03/19

choices: Bill, ist diese Tour die erste, die du alleine spielst?
Bill Laurance:
Ich war im November in den USA an der Ostküste und Westküste auf Tour. Nur ich und ein Mietwagen. Ich wurde oft gefragt, ob ich dabei nicht einsam würde. Ich wurde nicht einsam, ich habe es geliebt! Ich fand den Raum, die Freiheit erfrischend. Einsamkeit wird unterschätzt. Diesen Raum zu haben, mit sich und in seinen eigenen Gedanken allein zu sein, ist befreiend. Auch auf der Bühne ist es eine ganz andere Herausforderung, eine Show ohne Band zusammenzuhalten. Aber ich finde diese Herausforderung sehr inspirierend. Man kann jederzeit in jede beliebige Richtung gehen. Es ist die totale kreative Freiheit, besonders wenn es um Improvisation geht.

Wenn du mit einer Band improvisierst, können dich deine Bandmitglieder oft in unerwartete Richtungen lenken. Wonach richtet man sich bei Soloshows?
Alles hängt an einem selbst. Man muss das selbst sein. Wenn ich mit Bassisten spiele, würden sie mich zum Beispiel an einen bestimmten Akkord erinnern, während ich bei einer Soloperformance selbst zu diesem Akkord wechseln kann, wann immer ich will. Alles ist erlaubt. Das erfordert einen stärkeren Fokus. Es lockt Teile von mir als Performer hervor, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren. Es ist irgendwie eine tiefere Erfahrung, weil es die totale Abgeschiedenheit ist.

Bill Laurance
Foto: Marian Sielaczek
Zur Person 
​Bill Laurance ist Pianist, Arranger, Komponist; Bandmitglied von Snarky Puppy und Solokünstler; Brite und Weltbürger. Er fühlt sich der akustischen Musik verschrieben und versteht elektronische Musik als erweiternde Erfahrung. Sein erstes Soloalbum „Flint“ erschien 2014.

Dein Album heißt „Cables“ – hast du bei der Entstehung mehr Elektronik benutzt?
Ich habe das Gefühl, meine Beziehung zu Technologie ist ständiger Veränderung ausgesetzt. Ich habe kürzlich eine interessante Dokumentation namens „Transcendent Man“ geschaut. Sie handelt von Ray Kurzweil, einem Erfinder und Entrepreneur, der behauptet, im Jahre 2029 würden wir einen Roboter mit einem Bewusstsein erfunden haben. Technologie verändert sich in einer Geschwindigkeit, mit der wir nicht mithalten können. Ich fühle mich dessen in meinem täglichen Leben sehr bewusst. Ich würde mich selbst gern als jemanden sehen, der die Natur liebt, die „echten“ Dinge im Leben, und dann bin ich hier und sitze an meinem Handy und ich merke, wie es überhandnimmt. Ich versuche, in meiner Musik dieses Bewusstsein zu schärfen, und stelle die Frage, ob diese Entwicklung etwas ist, vor dem man Angst haben muss oder über die man sich freuen kann. Mein Album hat aber eine sehr dystopische Farbe bekommen. Ich habe es meiner Frau vorgespielt und sie fand es ziemlich unheilvoll. Ich will nicht um den heißen Brei herumreden: Es ist eine Zeit des Sorgens. Aber für mich steht fest, dass das menschliche Bestreben immer überwiegen wird.

Hast du analoge oder digitale Synthesizer benutzt?
Beides. Ich habe so ziemlich jeden Synthesizer, den man sich vorstellen kann, versucht einzubinden. (lacht) Ich habe aber auch Effekte am Flügel verwendet. Zum Beispiel habe ich Filz oder Büroklammern auf die Saiten gelegt.

Bist du mit den Aufnahmen eher wie bei klassischen Jazz-Aufnahmen vorgegangen, in denen das Meiste im Moment entsteht, oder hast du sie mehr als kompositorisches Werkzeug verstanden, mit dem du Klänge im Nachhinein überlagern und an ihnen schleifen kannst?
Eine Mischung aus beidem. Die Stücke sind durchkomponiert, es gibt eine klare Form, aber es gibt immer Raum für Improvisation. Wir haben sehr viel Zeit in der Nachbearbeitung verbracht. Mir waren bei diesem Album Klangfarbe, Textur und Timbre am Wichtigsten. Der Tontechniker Nic Hard aus New York und ich haben drei bis vier Monate am Mix des Albums gearbeitet, was ein sehr langer Prozess war. Wir wollten ins Detail all dieser verschiedenen Klänge gehen. Wir haben zum Beispiel den Hall des Flügels separat aufgenommen und später unter andere Sounds gelegt.

Wenn du diese Stücke jetzt auf der Bühne spielst, benutzt du beides – Flügel und Synthesizer?
Genau.

Wie verändert dieses elektronische Element die Art, wie du am Klavier improvisierst?
Es ist eine andere Art zu improvisieren. Wenn man Synthesizer benutzt, wird man festgelegt wie in einem Raster. Ich benutze viele Arpeggiatoren. Sobald ich einen benutze, bin ich eingeschränkt in dem, was ich tue. Oft versuche ich dann eine Pedal-Note zu finden, die ich auf eine Vielzahl an Akkorden anwenden kann. Aber es gibt auch neue Freiheiten, wenn man mit einem Synthesizer spielt. Was mich zurzeit am meisten interessiert, ist, ausschließlich mit dem Synthesizer zu improvisieren. Besonders die Musik von Brian Eno hat mich dazu inspiriert. Ich benutze oft unregelmäßige Patterns und schaue dabei zu, wie diese von selbst Musik komponieren, und dann schaue ich, wie ich damit interagieren kann.

Verstehst du deine Synthesizer als Bandmitglieder oder als zusätzliche Klaviere?
(lacht) Naja, ich habe eine Drum-Machine und ich kann Start und Stop drücken und sogar sagen, wann es einen Fill spielen soll. Es ist etwas anderes. Aber es ist sehr aufregend ganz allein einen großen Sound aufzubauen. Und auch wenn mir diese Maschinen dabei helfen, habe ich allein Kontrolle über den Sound. Ich habe alles über Midi miteinander vernetzt und kann an jeder meiner Maschinen tweaken, während sich das Stück entwickelt. Inzwischen verbringe ich meine Probezeit mehr damit, Gebrauchsanweisungen zu lesen und Fader zu schieben als tatsächlich Klavier zu spielen. Da ist eine Kreuzung zwischen diesen beiden Welten. Ray Kurzweil sagt das in dem Film: Er glaubt, Gott habe es noch nicht gegeben, aber Gott werde existieren, wenn Mensch und Maschine eins werden. Ich mag diese Vorstellung. Ich versuche immer, die Mitte zwischen diesen beiden Welten zu erwischen. Es geht nicht nur um die Technologie und es geht nicht nur um das Klavier. Es geht um den Treffpunkt der beiden. Für mich ist es ein akustisches Element, das mit einer elektronischen Kulisse kämpft.

Foto: Marian Sielaczek

Du hast so viel Zeit am Klavier verbracht. Du weißt genau, wie es sich anhören wird, wenn du einen bestimmten Akkord auf den Tasten drückst. Hast du eine ähnliche Vision, bevor du einen Synthesizer bedienst oder ist es ein experimentellerer Prozess?
Ein bisschen von beidem, würde ich sagen. Ich habe schon oft einen bestimmten Klang im Kopf. Vielleicht ist es ein Rhythmus und ich will einen bestimmten Envelope, also einen Attack, Release und Cut-Off. Aber wenn man Electronics benutzt, passieren diese glücklichen Unfälle. Das ist das Interessante an Technik. Vieles findet durch Zufall Eingang in mein Set, wenn zum Beispiel etwas weiterläuft, was nicht so gedacht war. Wenn man der Technik diese Freiheit gibt, verleiht man ihr Leben.

Verändert es auch deinen Blick auf das Klavier?
Es erinnert mich auf jeden Fall daran, dass das Klavier selbst ein technisches Gerät ist. Auch wenn es ein akustisches Instrument sein mag, ist es im Endeffekt eine Maschine auf seine eigene Art. Ich fühle mich aber dem akustischen Klang verschrieben, was immer das sein mag. Wenn ich zu lange in der elektronischen Welt bleiben würde, würde sie mich ermüden. Das Spannende liegt für mich in dieser Überschneidung des Akustischen und des Elektronischen – wie die beiden sich vereinigen können, aber auch wie sie miteinander streiten.

Du lebst in London. Wenn du auf Tour in Europa bist, fühlt es sich anders an, jetzt wo Brexit vor der Tür steht?
Ja, das tut es wirklich! Es ist vollkommen katastrophal, die Aussicht, dass wir nicht mehr Teil von Europa sein werden. Für mich als tourender Musiker ist es besonders offensichtlich, welche Auswirkungen das haben wird. Nicht nur aus bürokratischer Sicht, mit Visa etc., sondern auch im Hinblick auf einen übernationalen Gemeinschaftssinn. Ich fühle mich sehr privilegiert, Musik auf der ganzen Welt gespielt zu haben und erlebt zu haben, wie universell Musik ist und was für eine vereinigende Rolle sie für Kultur und Gemeinschaft darstellt. Ich werde tagtäglich an die Wichtigkeit dieser Verbindung erinnert. Die Aussicht, plötzlich abgeschnitten zu sein und unseren eigenen kleinen „Club“ zu haben, ist absolut wahnsinnig und ein riesiger Schritt zurück. Hat uns die Vergangenheit gar nichts darüber gelehrt, dass der Weg nach vorne nur ein gemeinsamer Weg ist? Ich fühle mich privilegiert, eine Karriere zu haben, die mir das täglich vor Augen führt. Ich glaube, viele Menschen haben den Vorteil dieser Perspektive nicht und das kann ihre Perspektive so verfärben, dass sie denken, uns würde es alleine besser gehen. Ich versuche, wo immer ich hinreise bewusst zu machen, dass ich die 48% repräsentiere, die für das Verbleiben in der EU gestimmt haben. Interessanterweise scheinen viele Menschen in Europa nicht zu wissen, dass es so knapp war. Es ist ein sehr gespaltenes Land. Es gibt immer noch viele Leute, die auf der Straße für ein zweites Referendum demonstrieren. In den vergangenen drei Jahren wurde keine einzige Richtlinie festgelegt. Es ist der absolute Wahnsinn! Ich hoffe, dass Musik, wenn sie nichts anderes schafft, daran erinnern kann, wie wichtig es ist, zusammen zu sein.

Die Musik wiederum hängt von der Gemeinschaft ab.
Sie nährt Musik. Musik fundiert auf Gemeinschaft und Gemeinschaft fundiert auf Musik. Die beiden sind voneinander abhängig.

Ist das eine Frage, die dir oft gestellt wird auf Tour? Auch von Nichtjournalist*innen?
Ja, häufig! Ich bringe es selbst auf der Bühne zur Sprache. In meinem nächsten Konzert in Berlin werde ich sogar eine kleine Brexit-Impro spielen. Ich werde die Brexit-Entscheidung in einem fünfminütigen Stück darstellen, das widerspiegelt, was für eine vollkommene Improvisation das Ganze gewesen ist. Denn niemand hat eine Ahnung, was wir machen und wohin wir gehen. Ich rede oft davon, denn ich glaube, dass es jetzt dringender denn je ist, zu handeln und aktiv zu werden, denn es rinnt uns durch die Finger! Brexit, Trump … wenn es etwas Gutes daran gibt, dann dass es uns wachrütteln kann. Wir haben uns zu lange zurückgelehnt und uns nicht gekümmert. Aber jetzt, wo drei Jahre vergangen sind, wenn es ein weiteres Referendum gäbe, würde das Ergebnis anders ausfallen. Es gibt jetzt eine ganze Generation von Wählern, die damals 16 Jahre alt waren und jetzt volljährig sind und definitiv gegen Brexit stimmen würden. Wir würden in der EU bleiben, davon bin ich überzeugt.

CD Bill Laurance: Cables | ab 8.3.

Live: Fr 8.3. 20 Uhr | Kölner Philharmonie | 0221 280 280

Interview: Ann-Christin Bloch

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