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Alice Hasters mit Dorothee Junck (l.) und Moderatorin Fatima Khan (r.)
Foto: Rebecca Ramlow

„Rassismus ist tief in unserer Gesellschaft verankert“

28. September 2019

Alice Hasters über ihren Ratgeber für Weiße – Interview 10/19

Der Andrang ist groß vor dem Buchladen Neusser Straße. Schuld ist die in Köln geborene Autorin und Journalistin Alice Hasters. Nicht selten stolperte die 30-Jährige, die heute in Berlin lebt, als schwarze Frau in Deutschland über Alltagsrassismus und hat ein sehr persönliches Buch geschrieben, das im September bei hanserblau erschien und nun sogar zum zweiten Mal verlegt wird. Ein „Service“-Buch für Weiße, wie sie es ironisch nennt. Der Titel: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“. Am Donnerstag kam sie zu einer Lesung in ihre Heimatstadt, wuchs sie doch in Nippes auf und hielt sich als Kind schon in diesem Buchladen auf. Köln ist eine patriotische bunte Stadt, mit der sie sich einerseits verbunden fühlt. Später in der Lesung jedoch berichtet sie von rassistischen Spardosen im Kaffeekiosk und weist auf Stereotypen im Karneval hin, die die Idee des Kolonialismus aufrechterhalten: wie etwa schwarz angemalte Gesichter oder die Idee, sich als Chinese verkleiden zu wollen. Warum ist Blackfacing nicht längst verboten? Warum hat einer der Heiligen Drei Könige noch immer ein schwarz angemaltes Gesicht? Wir sprachen mit Alice Hasters in einem persönlichen Interview und im Rahmen der Veranstaltung.

choices: Alice, was war deine Motivation, ein „Service“-Buch für Weiße zum Thema Rassismus zu schreiben?

Alice Hasters: Das Thema ist momentan sehr präsent, jedoch merke ich immer wieder, dass gerade weiße Menschen Rassismus nicht verstehen. Auch diejenigen, die es vermeintlich „gut meinen“. Sie begreifen es als ein Thema, mit dem sie selbst nichts zu tun haben. Einem Weißen zu unterstellen, er sei rassistisch, gilt als Beleidigung. Diese Sichtweise wollte ich ändern.

Hast du persönlich viel Rassismus erfahren?

Rassismus schleicht sich auf subtile Weise heran. Es ist eben nicht immer nur eine explizite Anfeindung oder Beleidigung, sondern vielmehr alltägliche Sprüche und Handlungen. Aber auch Dinge, die ich jeden Tag lese oder erlebe. In allen Bereichen: ob bei der Arbeit, in den sozialen Medien, beim Online-Daten oder in der Porno-Branche. Z.B. die Frage: „Woher kommen denn deine Eltern?“ Oder: „Du hast ja schöne Haare! Darf ich die mal anfassen?“ Dahinter verbirgt sich eine strukturelle Ungerechtigkeit, insofern dass Weißen das Privileg eingeräumt wird, nicht nach ihrer Herkunft gefragt zu werden oder nicht einfach in die Haare gefasst zu werden. In der Regel jedenfalls.

Zeichnet sich Diskriminierung heute also eher in Form von positivem, vermeintlich gut gemeintem Rassismus aus?

Positiver Rassismus ist keine neue Form des Rassismus. Schwarzen Menschen wurde auch schon in der Kolonialzeit ein „angeborenes Rhythmusgefühl“ unterstellt. Es gibt „Blackfacing“ bei Mickey Mouse in Form von Anlehnungen an stereotype Minstrel Shows und im Karneval. Nicht selten heißt es: „Was für ein niedliches schwarzes Baby.“ Positiver Rassismus ist allerdings bis heute nicht verschwunden und hat auch keinerlei positive Auswirkungen.

Man könnte ja meinen, Deutschland sei inzwischen offen und tolerant. Siehst du das anders? Wo steht Deutschland aktuell in puncto Rassismus?

Wer genauer hinschaut, entdeckt, dass Rassismus noch tief in unserer Gesellschaft verankert ist. Das Problem ist, dass Menschen nicht verstehen, wo jener herkommt, auf welcher Geschichte er aufbaut. Es sind diese Worthülsen, mit denen sich die Leute schnell selbst entschuldigen, damit sie das Thema von sich schieben können: Wenn Deutschland angeblich so offen ist, wie kann eine Partei wie die AfD dann so viel Zuwachs bekommen, die sich explizit gegen eine „offene Gesellschaft“ ausspricht?

Was kann man tun, um nicht in die Diskriminierungsfalle zu geraten? Was sind die Tipps in deinem Service-Buch für Weiße?

Bei sich selber anzufangen. Es gibt noch viel aufzuarbeiten. Wir sollten aufhören das Thema Rassismus als „erledigt“ abzustempeln, wenn die meisten noch nicht mal angefangen haben, richtig darüber zu sprechen. Im Englischen gibt es viel mehr Ausdrücke zum Thema Rassismus. In Deutschland sind die Menschen teilweise aufgrund ihrer Geschichte traumatisiert und blockiert. Ihnen ist wortwörtlich die Sprache ausgegangen. Vielleicht ist das ein positiver Ansatz, neue Worte zu erfinden.

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten | hanserblau | 208 S. | 17 €

Interview: Rebecca Ramlow

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